Kasseler Staatstheater eröffnet die Spielzeit im Schauspielhaus

„Die gute Erde“: Eindringliche Inszenierung mit starken Bildern

Schuften auf abstrakten Äckern: Die Schauspieler Sandro Sutalo (von links), Clemens Dönicke, Marcel Jacqueline Gisdol, Lisa Natalie Arnold und Christina Weiser verteilen Anzuchtglocken für Setzlinge auf der Bühne.
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Schuften auf abstrakten Äckern: Die Schauspieler Sandro Sutalo (von links), Clemens Dönicke, Marcel Jacqueline Gisdol, Lisa Natalie Arnold und Christina Weiser verteilen Anzuchtglocken für Setzlinge auf der Bühne.

Mit vielfältigen Premieren eröffnete das Kasseler Staatstheater die Spielzeit. Das Schauspiel legt mir „Die gute Erde“ nach dem Roman von Pearl S. Buck los.

Kassel – Die Taue lassen sich auslegen, als würden mit dem Pflug Furchen gezogen. Sie sind Zugseil, Fessel und Peitsche, man kann sie aber auch um den Bauch wickeln, bis ihre Last kaum mehr zu tragen ist. Die Taue bilden schnurgerade Linien und undurchdringliche Knäuel.

Regisseurin Mina Salehpour genügen einfache Mittel, um auf einer leeren Bühne, teils streng choreografiert, eindringliche Bilder zu schaffen. Um eine Welt zu entwerfen, das Schicksal einer Familie über Generationen auszubreiten, Aufstieg und Fall, unermesslichen Reichtum, Verschwendung, Armut, tiefste Verzweiflung. Und Arbeit, Arbeit, Arbeit, beharrlich, unablässig, pausenlos. Das unbeirrte Festhalten am eigenen Grund und Boden, an der „guten Erde“.

Salehpours Inszenierung „Die gute Erde“ nach dem gleichnamigen Roman von Pearl S. Buck (1892-1973), den die Literaturnobelpreisträgerin am Anfang des 20. Jahrhunderts in China angesiedelt hatte, ist am Samstagabend im Kasseler Schauspielhaus minutenlang bejubelt worden. Es ist eine starke Setzung zum Start des Intendanten Florian Lutz und von Patricia Nickel-Dönicke. Die neue Schauspieldirektorin hat die 1985 in Teheran geborene Regisseurin, die 2013 den Theaterpreis „Der Faust“ erhielt, eingeladen und die Dramaturgie übernommen.

Auch weiße Schüsseln gehören zu den vielseitig verwendeten Requisiten. Wasser wird daraus geschöpft, als der Bauer Wang Lung sein Feld bestellt. Gierig wird daraus geschlungen, als nach Hochwasser und Dürre die Ernte ausgefallen ist. Als Anzuchtglocken für Pflänzchen werden sie verteilt.

Geld regiert die Welt. Erzählt wird, wie Wang Lung (Clemens Dönicke) sich abrackert, zu Wohlstand kommt. Nach guten Erträgen kauft er die ehemalige Sklavin O-Ian (Lisa Natalie Arnold). In seine Söhne setzt Wang Lung alle Hoffnung, er lässt sie gut ausbilden, als Gelehrten, als Kaufmann. Nur der Jüngste soll kein „Schriftzeichen-Schmierer“, sondern Bauer werden. Vor Hunger und Not flieht die Familie zeitweilig in die Stadt. Wang Lungs Frau stirbt, er lebt mit Konkubinen im Luxus. Am Ende zählt der Großgrundbesitzer viele Enkel („7,88 Milliarden und es werden immer mehr“), die Söhne aber wissen die „gute Erde“ nicht wertzuschätzen. Der Jüngste ruft zur Revolution auf, „damit unser Land frei wird“. Der Patriarch muss hören: „Du bist zu alt. Nichts verstehst du.“

Neben Dönicke und Arnold spielen nur Sandro Sutalo, Marcel Jacqueline Gisdol und Christina Weiser. Sie alle wechseln in ihren anthrazitfarbenen Hosenröcken und weißen Unterhemden (Kostüme: Maria Anderski) ständig die Rollen – sie sind mal die Kinder, mal ein Reicher, der um Almosen bettelnde Onkel. Immer wieder ändert sich die Perspektive, nehmen sie plötzlich eine Erzählerposition ein. Ihre Stimmen sind verstärkt, um sich gegen zu Stroboskoplicht dröhnende Beats zu behaupten (Musik: Sandro Tajouri).

Christina Weiser, die wie Sutalo schon bislang dem Kasseler Schauspielensemble angehört hat, spricht einen fulminanten Monolog über die Odyssee eines Atoms und den Kreislauf der Natur.

Andrea Wagner hat ans Ende der unterschiedlich stark schräg gestellten Bühne eine riesige Wand gestellt, die mal an eine rostige Richard-Serra-Stahlplatte erinnert, mal an den Goldgrund eines mittelalterlichen Gemäldes – zuletzt ist die Erde wie von Blut getränkt. Nur ab und zu öffnet sich ein schmaler Spalt.

Wenig deutet darauf hin, wo der pulitzerpreisgekrönte Roman von 1931 spielt: Die US-Amerikanerin Buck war als Tochter von Missionaren im vorrevolutionären China aufgewachsen.

Schon 1933 war ihr Roman für die Bühne adaptiert worden, Mina Salehpour hat ihre eigene Fassung geschrieben, die in Zeiten der Klimakrise Fragen der Ressourcennutzung, von Arbeits- und Lebensbedingungen aufwirft – sie sind von „artumgreifender Dringlichkeit“, wie es einmal heißt. Nur dass es nicht genügen dürfte, den Reichen kräftige Schläge mit der Bambusstange zu versetzen.

Wieder am 1., 16.10., 10.11., 13.1., 15.1., 11.2., 27.2., 12.4. Karten: Tel. 0561/1094222, staatstheater-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

Der Mensch als Lasttier: Sandro Sutalo (links), Clemens Dönicke.

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