Eine Begegnung in Kassel mit Ian Paice und Roger Glover von Deep Purple

Neues Deep Purple Album „Infinite“: Wie immer und doch ganz neu

Plaudern mit den Hardrock-Legenden: Mike Gerhold (von links) ließ seine Gitarre von den Deep-Purple-Musikern Ian Paice und Roger Glover signieren, auch Dominik Lang war beim Fantreffen bei Radio Bob in Kassel mit dabei. Foto: Schachtschneider

Kassel. Im Scheitern hat Roger Glover die wichtigste Lektion seines Lebens gelernt. „Jahrelang wollte ich so sein wie Bob Dylan“, sagt der Bassist der legendären Hardrock-Band Deep Purple.

„Dylan hat mit seinem Album The Freewheelin meinen Geist befreit – aber auch wenn alles so leicht wirkte, gelang es mir nicht, zu werden wie er.“ Daraus wuchs die Erkenntnis: „Ich kann nur ich selbst sein, so gut ich eben kann.“

Der 71-Jährige schaut über die Kante seiner Lesebrille. Das hagere Gesicht hundertprozentig der Interviewpartnerin zugewandt, Amulette um den Hals, Basecap, dunkles Jackett, tiefenentspannt eine Kaffeetasse auf dem Knie balancierend.

Roger Glover und Schlagzeuger Ian Paice (68) ackern diese Woche in Deutschland für ihr heute erscheinendes neues Album „Infinite“. Auf der „PR-Rutsche“, wie es Isabelle Albrecht von der betreuenden Plattenfirma Earmusic nennt, machen sie Station in Kassel, beim Sender Radio Bob für Begegnungen mit Fans und Presseinterviews.

Nachdem Glover beim Händeschütteln zunächst sagt, er habe seinen Wortvorrat für den aktuellen Tag eigentlich schon aufgebraucht, sind er und Kollege Paice beim Zusammensitzen auf den tiefen Sofas im Studio vollkommen aufmerksam und konzentriert, haben spürbar Lust aufs Plaudern. Etwa darüber, wie es war, als sie völlig betrunken in wenigen Stunden „Black Night“ aufgenommen haben und dachten „das obskure Zeug taugt allenfalls als B-Seite“. Nein, nein, sagte der Manager, und siehe da, „wie ein Virus“ verbreitete sich der Song über die Welt. „Da ahnt man, welche Kraft man mit seiner Musik hat“, sagt Glover.

Nun kommt „Infinite“ auf den Markt, und als die beiden darüber sprechen, bleibt die nachdenkliche Stimmung im Raum hängen. Oh ja, es ist schwierig, an den großen Erfolg des Vorgängeralbums „Now What?!“ anzuknüpfen, das 2013 wochenlang auf Platz eins der Charts war.

„Es wird nicht leichter, etwas wirklich Neues zu schaffen“, sagt Ian Paice – randlose Brille, grauer Zopf. Bei ihrem Riesen-Repertoire, bei der fast 50-jährigen Bandgeschichte. „Die Gefahr ist, ein Abklatsch seiner selbst zu werden“, ergänzt Glover. Aber die Klippe wurde umschifft: „Wir haben etwas erschaffen, das genau nach uns klingt und zugleich wie nichts, was wir bisher gemacht haben.“ Dazu nickt Paice: „Ich mag 95 Prozent davon – das kann ich sonst von keiner Platte sagen.“

Nach den PR-Terminen geht es auf Tour. Und es wird wieder passieren, was immer passiert: Am Ende hat Glover 30, 40 CDs im Instrumentenkasten. Hoffnungsvoll stecken ihm junge Musiker ihre Werke zu. „Ich höre sie alle an – fast“, sagt der Bassist mit leichtem Augenrollen. „Die immergleichen kreischenden Gitarren, kreischenden Stimmen“. Originelles sei kaum dabei. „Man kann niemandem ein Rezept für Erfolg geben“, so Paice. Aber alles beginne damit, an seinem Instrument Spaß zu haben.

Um ihren Über-Hit „Smoke On The Water“ kommen die Purpurnen bei Konzerten natürlich nie herum, „aber das ist nie eine Zumutung.“ Auch beim Kasseler Besuch erklang die Rockhymne. Redaktionsleiter Benjamin Zinke und sein Radio-Bob-Team hatten unterschiedlich gefüllte Bierflaschen vorbereitet – darauf mussten die Rocklegenden das Intro pusten. Ging gut. Und schließlich freuten sich die beiden auf die Hotelbar in Frankfurt. Der spätabendliche Stop auf ihrer Promo-Tour.

Deep Purple: Infinite (Earmusic), Wertung: Fünf Sterne

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