Für immer jung: Die 80er-Jahre-Helden Alphaville sind zurück

Schreibt weiter romantische Synthie-Pop-Songs: Sänger Marian Gold.

Marian Gold war ganz aufgeregt, als er vor fünf Wochen die „NDR Talkshow“ betrat. Der Sänger der Berliner Band ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Pop-Geschäft, aber der Auftritt bei Hubertus Meyer-Burckhardt und Barbara Schöneberger war eine Premiere.

„Bislang habe ich in TV-Interviews nur Englisch geredet. Das ist meine allererste Talkshow im deutschen Fernsehen“, sagte Gold der HNA kurz vor seinem Auftritt nervös am Telefon.

In Spanien und Frankreich war der 56-Jährige auch zuletzt ein gefragter Mann. In seiner Heimat lernt man den gebürtigen Ostwestfalen jedoch gerade erst wieder kennen, nachdem es um seine Band lange still war. Mitte der 80er waren Alphaville mit ihrem melodischen Synthie-Pop eine der wenigen deutschen Bands, die auch im Ausland Erfolg hatten.

„Big in Japan“ durfte das Trio in der legendären BBC-Show „Top Of The Pops“ spielen. Und „Forever Young“ wird noch heute von Stars wie den Rappern Jay-Z und Bushido gecovert. Vor wenigen Jahren erst landete die australische Youth Group damit noch einmal einen Hit.

Gold freut sich, dass „die Leute das Stück lieben“ - auch wenn es ihm manchmal etwas zu viel Liebe ist. Anlässlich des nun erschienenen Albums „Catching Rays On Giant“ spricht das letzte verbliebene Gründungsmitglied von den „Gespenstern der Vergangenheit“, über die er in Deutschland immer reden muss. Ihn stört, dass Alphaville hier zu Lande „als Teenie-Band klein geschrieben wurden“, während man im Rest Europas das Potenzial zu schätzen wusste.

Einen richtigen Hit wie „Forever Young“ wird die Gruppe auch mit ihrem achten Album nicht landen, aber vielleicht werden die Musiker nun endlich auch in Deutschland als ernst zu nehmende Künstler anerkannt. „Catching Rays on Giant“ enthält elf romantische Lieder mit 80er-Jahre-Synthesizern, hymnischen Refrains und pathetischen Chören. „Diese romantische Musik hat etwas Unvergängliches“, sagt Gold, der eigentlich Hartwig Schierbaum heißt.

Unter diesem Namen studierte er Ende der 70er an der Berliner Hochschule der Künste, und irgendwann experimentierten er und einige Kommilitonen nicht mehr mit Bildern und Skulpturen, sondern mit Musik. Die Autodidakten benannten sich nach einem Film von Jean-Luc Godard, zogen nach Münster und schafften den Durchbruch. „Keiner von uns konnte ein Instrument spielen, trotzdem haben wir mehrere Welthits geschrieben“, sagt Gold, der heute zwar passabel Keyboard spielt, wie er sagt, aber immer noch keine Noten lesen kann.

Dafür ist er indirekt sogar an einem Oscar beteiligt. Für das Video zum Alphaville-Song „Middle Of The Riddle“ steuerten die Kasseler Trickfilmer Christoph und Wolfgang Lauenstein 1989 eine Sequenz aus ihrem siebenminütigen Streifen „Balance“ bei, der ein Jahr später in Hollywood als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde. Darin hangeln sich Puppen über eine Plattform, die niemals still steht.

Man kann sich gut vorstellen, dass Golds Leben heute ein Balanceakt ist: Er wohnt in Berlin und London und tourt durch die Welt. Und wenngleich er sich manchmal wünscht, für immer jung zu sein - es wird ihm nicht gelingen. Schon deshalb nicht, weil zuhause in Berlin nie etwas still steht. Mit seiner Frau hat er sechs Kinder. Das älteste ist zwölf Jahre, das jüngste erst wenige Wochen alt.

Alphaville: Catching Rays on Giant (Universal).

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