Vor 200 Jahren wurde Franz Liszt geboren - vor allem sein Klavierwerk wird gefeiert

Immer der Tastenlöwe

Lebt vor allem in seinem Klavierwerk weiter: Franz Liszt (1811-1886), im Jahr 1869 fotografiert von Franz Hanfstaengl. Foto: dpa

Nicht jeder Neuerer in der Musik wird von der Nachwelt gefeiert. Franz Liszt, der heute vor 200 Jahren in Raiding (damals ungarisch, heute österreichisch) geboren wurde, hat da Glück. Mit seinem Namen verbindet man bis heute den Inbegriff des Klaviervirtuosentums. Als Konzertpianist war er der erste Superstar der Musikgeschichte.

In seinem Jubiläumsjahr, das am 31. Juli mit dem 125. Todestag eingeläutet wurde, ist vor allem diese Seite Liszts gefeiert worden. Weltstars wie Lang Lang („My Piano Hero“, Sony) haben ihre Visitenkarte abgegeben, die junge Georgierin Khatia Buniatishvili hat mit ihrer Liszt-Debüt-CD (Sony) für Furore gesorgt.

Außerdem haben die großen Plattenfirmen wie die Deutsche Grammophon ihre Archive geplündert und Sampler mit alten Aufnahmen ihrer Stars von Argerich bis Zimerman herausgebracht. Und als gigantomanisches Projekt hat das Label Hyperion das pianistische Gesamtwerk Liszts auf 99 CDs aufgelegt, gespielt vom australischen Pianisten Leslie Howard.

Trotz solcher Projekte blieb aber der große Liszt-Boom auf dem Plattenmarkt aus. Besonders die Orchesterwerke, seine sinfonischen Dichtungen und Sinfonien, erst recht aber das kirchenmusikalische Werk, das zu entdecken gewesen wäre, wurden wenig beachtet. Unser Bild dieses romantischen Außenseiters wird auch nach dem Jubiläumsjahr vor allem den Tastenlöwen zeigen.

In diesem Umfeld fallen zwei brandneue Plattenveröffentlichungen besonders auf. Die deutsche Pianistin Ragna Schirmer (39) hat auf drei CDs Liszts „Années de pèlerinage“ in Gänze eingespielt (Berlin Classics), eine Sammlung von Klavierstücken in drei Bänden, die Eindrücke und Reflexionen von Liszts Aufenthalten in der Schweiz und in Italien aufnehmen. Hier steht nicht die pianistische Virtuosität im Vordergrund (die gleichwohl oft genug gefordert wird), sondern die poetische Versenkung.

Und das ist das Metier der Ragna Schirmer. Mit warmem, sensiblem Klang spürt sie dieser empfindungsreichen Musik nach. Nicht alles überzeugt gleichermaßen, aber einige der großen Stücke aus der Sammlung lassen aufhorchen. Wunderbar melancholisch klingt bei ihr der Titel „Vallée d’Obermann“ aus dem ersten Band bis hin zum aufbegehrenden Schluss. Und die Petrarca-Sonette 47 und 104 aus dem zweiten Band verbinden Einfühlung mit pianistischer Souveränität - wobei Schirmer aber zu Recht nicht versucht, sich als Technikwunder zu präsentieren.

Dass zwischen die Klavierstücke acht Madrigale von Carlo Gesualdo und Luca Marenzio eingestreut sind (vom Ensemble Amarcord mit großer Intensität gesungen), überrascht zunächst, vertieft aber das Hörerlebnis. Wertung: !!!!:

Zwei Altmeister haben sich zusammengetan, um die beiden Klavierkonzerte Liszts (zum ungezählten Male) aufzunehmen: Daniel Barenboim (68) hat seine Berliner Staatskapelle dem Dirigenten Pierre Boulez (86) anvertraut und sich selbst an den Flügel gesetzt (Deutsche Grammophon). Das live eingespielte Album lässt Liszt mit kantigem Orchesterklang sehr modern erscheinen, während Barenboim die feinen Strukturen der Soloparts freilegt. Fazit: Nicht immer zeigen die Jungen das wegweisende Spiel. Wertung: !!!!:

Von Werner Fritsch

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