Begegnungen mit dem documenta-Künstler Joseph Beuys, der vor 25 Jahren starb

Immer unterwegs zu den Menschen

Bereit, seine Kunst zu erläutern: Dirk Schwarze (links) mit dem Künstler Joseph Beuys (rechts) bei einer Pflanzaktion. Foto: Haun

Kassel. Die documenta 5 von Harald Szeemann im Jahr 1972 bildete einen Wendepunkt in der Ausstellungsgeschichte. Dafür stand der Beitrag des Bildhauers und Aktionskünstlers Joseph Beuys. Statt neuer Objekte wie in den Ausstellungen davor präsentierte er ein „Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, in dem er 100 Tage lang von 10 bis 20 Uhr stand und saß, um mit den Besuchern zu diskutieren.

In roter Fliegerweste und mit Filzhut, in der Hand eine brennende Zigarette, sprach er über Gott und die Welt, je nach dem, was die Besucher fragten. Doch am liebsten redete er über die Notwendigkeit einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, über direkte Demokratie, das neue Denken und die schöpferischen Fähigkeiten des Einzelnen. Und wenn er dabei sein Gegenüber fixierte, dann konnte sich der schwerlich seinem Blick (und manchmal auch seinen Argumenten) entziehen.

Die Diskussion als Aktion war nicht bloß eine Folge der 68er-Bewegung, dahinter steckte auch das Bemühen um Selbstvergewisserung, um die Klärung des Denkens. Einem Besucher sagte er: „Viele haben nur meine Objekte gesehen, nicht aber meine Begriffe, die dazu gehören.“

Die meisten hatten noch nicht verstanden, dass er neue Begriffe in die Kunst eingeführt hatte. Er benutzte die Materialien selbst als Bedeutungsträger - Filz für Wärme und Schutz, Fett als Nahrung und Kupfer als Energieleiter. Als Joseph Beuys fünf Jahre später die documenta nutzte, seine Idee einer Freien Internationalen Universität (FIU) zu erproben, ließ er die Diskussionen unter einer Honigpumpe stattfinden. Das Fließen des Honigs durch ein Schlauchsystem sollte den Austausch der Lebenskräfte symbolisieren.

7000 Eichen für Kassel

1982 vollzog Beuys den Auszug aus dem Museum, indem er zur documenta 7 seine Aktion „7000 Eichen“ begann, die allerdings erst 1987, ein Jahr nach seinem Tod, vollendet wurde. Mit der Baumpflanzaktion - zu jedem der 7000 Bäume in Kassel wurde eine Basaltsäule gesetzt - fand Beuys den Weg von der Kunst zur „sozialen Plastik“. Besonders liebte es Beuys, wenn er bei Planzaktionen den Menschen erläutern konnte, dass sein Kunstbegriff einen Menschen- und Lebensbegriff einschließe.

Sein Filzhut war nicht nur extravagantes Markenzeichen. Denn seitdem Beuys 1942 bei einem Absturz als Sturzkampfflieger schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, war das Schutzbedürfnis für seinen Kopf groß. So behielt er seinen Hut ständig auf. Nur zweimal setzte er ihn in der Öffentlichkeit ab: Als in Kassel 1974 und 1978 über seine fristlose Entlassung als Düsseldorfer Akademiedirektor verhandelt wurde. Beuys, dem gekündigt worden war, weil er sich einer Zulassungsbeschränkung widersetzt hatte, ging aus dem Verfahren als Sieger hervor.

Unser Autor Dirk Schwarze war bis 2007 Kulturchef und Kulturreporter dieser Zeitung. Immer wieder ist er Joseph Beuys persönlich begegnet.

Von Dirk Schwarze

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.