Indie für den Mainstream: Die US-Band Poliça im Kulturzelt

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Brauchen keinen Gitarristen: Poliça mit Sängerin Channy Leaneagh, den beiden Schlagzeugern Drew Christopherson (links) und Ben Ivascu sowie Bassist Chris Bierden.

Kassel. Es ist nicht ganz klar, wo Chris Bierden so schnell das Helium herbekommen hat. Eigentlich wollte der US-Bassist aus Minneapolis nur mit seiner Indierock-Band Poliça im Kasseler Kulturzelt auftreten, doch dann stand er zunächst allein auf der Bühne.

Die schwedische Vorband New Found Land musste passen, weil sie auf der Autobahn im Stau feststeckte. So schnappte sich der Bassist eine Gitarre und überbrückte die Zeit. Er coverte John Lennons „Mother“, huldigte Neil Young und sang dabei mit einer Stimme, als hätte er eine ganze Flasche Helium inhaliert. Aber natürlich war bei Bierden, der sich Invisible Boy nennt, der unsichtbare Junge, alles echt.

Es war der ungewöhnliche Auftakt eines sehr ungewöhnlichen und ebenso guten Konzertabends. Poliça sind ja keine normale Band, sondern „die beste Band“, die Justin Vernon alias Bon Iver jemals gehört hat. Seitdem der US-Singer/Songwriter das gesagt und HipHop-Superstar Jay-Z die Single „Lay Your Cards Out“ in seinem Blog empfohlen hat, eilt der Band der Ruf voraus, eine Offenbarung zu sein.

Als Newcomer-Formation kann man daran eigentlich nur scheitern, aber Poliça sind live tatsächlich eine Wucht. Sie kommen ohne Gitarristen aus, haben dafür mit Ben Ivascu und Drew Christopherson zwei Schlagzeuger. TripHop-Beats wechseln sich ab mit scheppernden Klängen, zwischendurch klingen die Schläge wie Maschinengewehrsalven.

Die warmen Synthesizer- und Bläser-Arrangements von Band-Gründer Ryan Olson kommen vom Band. Bierden liefert die funkigen Bassläufe, und im Zentrum steht Frontfrau Channy Leaneagh, die ihre Stimme zwar nicht mit Helium bearbeitet, dafür mit dem Programm Auto-Tune – wie ein Gitarrist mit dem Effektpedal. Am eindrucksvollsten ist das bei „Nobody“, einem Cover des R’n’B-Stars Keith Sweat.

Überhaupt verwischen Poliça die Grenzen zwischen analog und digital, zwischen Mainstream und Indie. Schubladen waren gestern, insofern haben die 500 beeindruckten Zuhörer vielleicht wirklich die Band der Zukunft gesehen.

Nach einer intensiven Stunde ist alles vorbei, ihren schwersten Anstieg haben die Senkrechtstarter aus dem flachen Teil des Mittleren Westens da jedoch noch vor sich. Leaneagh verspricht, dass sie in der Nacht oder am Morgen hinauf wolle zum Herkules.

Kulturzelt heute, 19.30 Uhr: Edgar Knecht Trio.

Von Matthias Lohr

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