Live entwickeln die "weiblichen Nirvana" einen hypnotischen Flow

Warpaint machen ihre Fans im Kulturzelt mit Depri-Sound glücklich 

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Gaben eines der ganz wenigen Deutschland-Konzerte in Kassel: Die Warpaint-Frontfrauen Emily Kokal und Theresa Wayman im Kulturzelt.

Kassel. Warpaint sind die Lieblingsband von Stars wie den Red Hot Chili Peppers. Eines seiner seltenen Deutschland-Konzerte gab das US-Indierock-Quartett im Kasseler Kulturzelt, wo es auch ohne Zugaben überzeugte.

Wie wichtig das Kasseler Kulturzelt ist, sieht man zum Beispiel am Schulfreund, der in Berlin lebt. Am Freitag traf man ihn beim Konzert von Warpaint, seiner absoluten Lieblingsband. Normalerweise reist man aus der Provinz in die Metropole, um herausragende Acts zu erleben. Aber das kalifornische Indierock-Quartett spielt diesen Sommer nicht in Berlin, sondern in New York, Chicago, Las Vegas und eben Kassel.

Dass der Kumpel von einst auch wegen der documenta und seiner Eltern in die Heimat gekommen war, ist nur ein Detail am Rand und soll der These nicht im Weg stehen: Das Kulturzelt ist längst eine Marke mit überregionaler Strahlkraft.

Es bleibt jedoch die Frage, ob sich die Anreise für eine der wichtigsten Bands der jüngeren Vergangenheit gelohnt hat. Auf Warpaint konnten sich zuletzt alle Indierock-Fans einigen. Aber in Kassel gehen Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa bereits nach nicht einmal eineinhalb Stunden von der Bühne. Sie geben auch keine Zugabe. Und die einzigen Worte, die die beiden Frontfrauen mit den 600 Besuchern wechseln, lauten „Dankeschön“ und „Der nächste Song ist über Liebe.“

Pop wird man jedoch nicht mit irgendwelchen Kennzahlen gerecht, es geht um das Gefühl. Und das fühlt sich gut an. Warpaint sind Meister der inszenierten Reduktion. Bevor die vier Frauen die Bühne betreten, beginnen sie mit einem acht Minuten langen Intro, das immer wieder durch kleine Pausen unterbrochen wird. Das erinnert an den britischen Elektronik-Meister James Blake, mit dem Wayman lange zusammen war.

Warpaint sind aber eine klassische Rockband. Ein Kritiker nannte sie die „weiblichen Nirvana“, was schon deshalb hanebüchen ist, da ihre Musik nicht wütend, sondern melancholisch klingt. Die New-Wave-Gitarren dengeln wie bei Joy Division, der Bass rumpelt, Schlagzeugerin Mozgawa feuert auch mal Maschinengewehrsalven ab, und über alles legt sich immer wieder der mehrstimmige Gesang von Kokal und Wayman.

Auf CD klingt das trotz der depressiven Grundstimmung bisweilen wie harmloser Indierock fürs Radio, weshalb die Songs auch in Spots von Calvin Klein zu hören sind. Aber live entwickeln Warpaint einen hypnotischen Flow, der einen trotz aller Düsternis glücklich macht. Nach ihrem Solo im Hit „Love Is To Die“ muss Gitarristin Kokal sogar einmal sehr sympathisch lachen.

Auch der Schulfreund ist am Ende zufrieden. Es war bereits sein siebtes Warpaint-Konzert. Er wird sicher wiederkommen ins Kulturzelt.

Alle Infos zum Kulturzelt gibt es auch bei Kassel-live.

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