Inge Jens über ihren dementen Mann Walter Jens

Inge Jens über ihren dementen Mann Walter: „Was lebt, will leben.“

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Inge und Walter Jens: Die Aufnahme entstand im Mai 2007 in Tübingen.

Er war ein brillanter Geist, seine Reden waren rhetorisch ausgefeilt: Walter Jens wird heute 90 Jahre alt. Er war einer der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands. Dann kam die Demenz.

Seit Jahren muss seine Frau Inge (86) zuschauen, wie der Geist des wortgewaltigen Mannes entschwindet. Sie erzählt von ungebrochenem Lebenswillen.

Wie geht es Ihrem Mann?

Zu den Personen

„Man kann wirklich nicht sagen, dass sein Leben unerfüllt bleiben musste“, sagt Inge Jens auf die Frage, ob sie mit der Demenz ihres Mannes hadert. Walter Jens, am 8. März 1923 in Hamburg geboren, war als Professor für Klassische Philologie und Allgemeine Rhetorik in Tübingen, Präsident des PEN-Zentrums (1976-1982) und Präsident der Berliner Akademie der Künste (1989-1997) einer der prägenden Intellektuellen der Bundesrepublik. 1950 erschien sein utopischer Roman „Nein. Die Welt der Angeklagten“. Jens gehörte zur Schriftstellervereinigung Gruppe 47. 1951 heiratete er. Inge Jens (86) hat sich ebenfalls als Philologin - etwa mit der Herausgabe der Thomas-Mann-Tagebücher - einen Namen gemacht. 2003 wurde bekannt, dass Walter Jens NSDAP-Mitglied war. Sein Sohn Tilman veröffentlichte 2009/2010 die umstrittenen Bücher „Demenz. Abschied von meinem Vater“ und „Vatermord“. Walter Jens lebt nach wie vor zu Hause, er wird von einer Pflegerin rührend umsorgt, sagt Inge Jens: „Ohne ihren Einsatz wäre er vermutlich längst gestorben. Kein Heim könnte solche Fürsorge bieten.“ (dpa/vbs)

Inge Jens: Das ist schwer zu sagen. Er schläft sehr viel, und er erkennt meistens niemanden mehr. Trotzdem scheinen ihm einige Personen atmosphärisch vertraut zu sein. Manchmal machen wir ihm den Fernseher an, damit er sich ein Fußballspiel anschauen kann. Was er davon sieht und begreift, wissen wir nicht. Aber er scheint eine Zeit lang richtig aufzuleben. Doch sein Zustand ändert sich schnell. Heute können wir das Essen vor ihn hinstellen und ihm den Löffel in die Hand drücken. Er benutzt ihn nicht mehr. Er hat vergessen, wie man isst.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie er selbst sein Leben empfindet?

Jens: Er kann uns seit vielen Jahren nicht mehr sagen, was in ihm vorgeht. Für Außenstehende ist es ein trauriges Dasein. Ich kann nur hoffen, dass es für ihn selbst nicht so traurig ist. Er fällt aus der Realität, wie wir sie kennen, heraus. Aber ich habe den Eindruck, dass er in etwas hineinfällt, das ihm keinen Kummer bereitet.

Ihr Mann hat zusammen mit dem Theologen Hans Küng ein Buch zur Sterbehilfe verfasst ...

Jens: In dem er sagt, dass er nie so leben will, wie er jetzt leben muss. Ich weiß. Das ist die große Schwierigkeit für mich. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass mein Mann lebensmüde ist. Was lebt, will leben. Und er will ganz offensichtlich noch leben. Möglichkeiten zu sterben hätte er genügend gehabt. Er ist ein paar Mal sehr schwer krank gewesen, aber er hat sich ohne viel Zutun erholt. Wie lange seine Kraft reicht - ich weiß es nicht. Lebensverlängernde Maßnahmen kann und darf ich nicht zulassen. So steht es in seiner Patientenverfügung. Ich bin sehr glücklich, dass er mir diese Entscheidung abgenommen hat. Ich kann nur jedem raten, seinen Angehörigen diese Last abzunehmen und eine Patientenverfügung zu erstellen, solange man bei klarem Bewusstsein ist.

Nun wird Ihr Mann 90. Wird das trotz allem ein fröhliches Fest?

Jens: Mit Sicherheit. Wenn es ihm gut geht, wird es ein freundlicher Nachmittag mit Apfelkuchen und Schwarzwälder Kirschtorte. Bestimmt werden die Freunde und Nachbarn vorbeikommen, wie sie das all die Jahre getan haben. Mein Mann wird dabei sein, wenn und so lange er will und kann. Das wird sich finden. (dpa)

Von Marc Herwig

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