Ein Selbstversuch: Auf der documenta kann man sich von Marcos Lutyens hypnotisieren lassen

Inneren Schreibtisch aufräumen

„Stell dir vor, in deinen Handflächen sind Magnete“: Vorübung zur Hypnose mit Künstler Marcos Lutyens und HNA-Redakteurin Bettina Fraschke. Foto:  Herzog

Nackt auf dem Tisch tanzen würde ich womöglich - die Kollegen warnten mich vor der Hypnose-Show, einem documenta-Projekt von Marcos Lutyens und Raimundas Malasauskas in einem Häuschen in der Karlsaue. Kontrolle aufzugeben, davor haben viele Menschen Angst. Ich auch. Doch als Marcos Lutyens meine drei Mitstreiterinnen und mich begrüßt, legt sich das.

Meine Lebenserfahrung sagt: Diesem Mann mit der beruhigenden Stimme kann ich vertrauen. Sein Häuschen sieht aus, als sei es an seiner Dachkante gespiegelt, eine erste Verwischung der Wahrnehmung. Und zur Bodenmitte hin führen Treppenstufen in die Tiefe. So, wie wir später auch in unserem Bewusstsein in immer tiefere Schichten steigen sollen.

Angst vor Kontrollverlust? Das ist für Lutyens nur „eine Propagandamaßnahme unseres Bewusstseins.“ Seit Sigmund Freud habe sich unsere Wahrnehmung so verengt, dass wir mit dem Unterbewusstsein nur noch Neurosen assoziieren - dabei könne es ein stiller, friedlicher Ort sein. Liebevoll legt Lutyens beige gemusterte Decken und Kissen für uns auf die Stufen. Er fängt an, uns in englischer Sprache in die Tiefenentspannung zu führen.

Ein bisschen erinnert das an die Meditationsphasen in der Yoga-Stunde. Aber hier geht es noch viel tiefer hinunter. Von zehn abwärts zählt Lutyens in festen Formeln. „Träumen und driften“, tief in die Seele hinein. Ein Stück Bewusstsein bleibt zumindest bei mir rege. Und rattert: Was bedeutet das englische Wort Vertebra? Wirbel. Entspanne ich genauso gut wie die anderen? Der ewige Leistungsdruck ist nicht leicht abzustellen.

Dann sollen wir uns vorstellen, wir treten in einen Raum und finden ein Objekt vor. Was taucht auf? In dieses Objekt sollen wir uns hineinversetzen, uns vorstellen, es pendele in dem Raum hin und her. Ja, das klappt. Ich sehe so ein grünes blütenartiges Ding. Und plötzlich habe ich das Gefühl, ich werde von meinem Liegeplatz gefegt - dieses Pendelgefühl ist so stark. Vor - Zurück. Dabei liege ich reglos.

Später sollen wir uns einen Duft vorstellen und eine Person dazu - wie auf Knopfdruck habe ich ein Bild zum Duft im Kopf. Sehr nah, sehr konkret. Ein Trick, den wir auch im Wachsein anwenden können, sagt Lutyens. Diese Info kann ich wahrnehmen und mir merken. Ich höre eine Stimme, ich höre den Wind. Hypnose heißt zumindest bei mir nicht, komplett abgetaucht zu sein. Anders als bei einer Teilnehmerin, die sich hinterher an gar nichts mehr erinnert.

Ganz selten werden Teilnehmer von Gefühlen überwältigt, sagt der Künstler. Aber nur eine Hypnotisierte hat die Sitzung abgebrochen.

Wenn Lutyens uns nach 45 Minuten auftauchen lässt aus tiefen Bewusstseinsschichten, bin ich sofort so frisch, wie er es ansagt. Und es stimmt, was er ankündigte: Dass der Schreibtisch meines Geistes nun etwas aufgeräumter ist. DREI FRAGEN/ SERVICE

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.