Inspiration in Vorpommern: Wo die Romantik zu Hause ist

Mecklenburg-Vorpommern lädt ein zum Themenjahr Romantik. 40 Partner bilden die Initiative „Natürlich romantisch“, bis zum 240. Geburtstag Caspar David Friedrichs am 5. September 2014 soll es 100 Veranstaltungen geben. Im Zentrum stehen die authentischen Orte der romantischen Maler.

Ruinen im Mondlicht, kahle Äste mächtiger Eichen, Masten von Segelschiffen in der Dämmerung, die Kreideküste, ein Mönch am Meer - all diese Bilder sind tief im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Woher aber hatte Caspar David Friedrich (1774 - 1840), der bedeutendste Landschaftsmaler der deutschen Romantik, seine Motive?

Friedrich, im damals zu Schweden gehörenden Greifswald geboren, wurde in Kopenhagen ausgebildet, ehe er sich in Dresden niederließ. Doch gerade wer sich in seiner pommerschen Heimat auf Spurensuche begibt, spürt bald, welcher Quellen sich der Künstler bediente. Dort werden auf faszinierende Weise seine Lebensstationen und Arbeitsweise erlebbar.

„Friedrich war ein Erinnerungsjunkie“, sagt Birte Frenssen, stellvertretende Direktorin im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald. Er arbeitete im kargen Atelier - so voller Andacht, dass man ihn unmöglich stören durfte, gerade wenn er „Luft malte“, wie seine Frau klagte. Sein Fundus aber waren Skizzenbücher, die er auf Reisen zur Familie füllte: in Neubrandenburg, wo Geschwister lebten, in Greifswald, wo ihn die verfallene Abtei Eldena, damals ein wüstes, ödes Trümmerfeld, faszinierte, und auf Rügen. Sieben Insel-Besuche sind nachgewiesen.

Mit dem Segler setzte Friedrich über, zu Fuß streifte er umher, Quartier fand er in Fischerkaten oder Pfarrhäusern. Er zeichnete unentwegt, mit Bleistift und Feder, schnell aber präzise, ein Auge hatte er abgebunden, um nur eindimensional zu sehen, das Tuschefläschchen umgehängt. Frenssen: „Das muss ein befremdlicher Anblick gewesen sein.“

Orte der Romantik in Vorpommern

Orte der Romantik in Vorpommern

In Dresden schuf Friedrich später „Erinnerungsbilder“. Er „schummelte“, schuf Potpourris, verdichtete, setzte Skizzen aus unterschiedlichen Orten zu Gemälden so zusammen, dass „weit gespannte, von den realen Räumen abgelöste Seelenlandschaften“ entstanden, wie Frenssen schreibt, „die sich aus den tief vertrauten, erfahrungsgesättigten Naturbildern speisten, mit denen Friedrich die heimatliche, nordische Landschaft poetisierte.“ Nicht nur Frenssen kann das im Detail zeigen, wenn sie etwa sein Gemälde „Nacht in einem Hafen (Schwestern auf dem Söller) erklärt: Die Türme stammen aus Stralsund, Neubrandenburg, die Heimatstadt der Eltern, Greifswald ... Susanne Papenfuß, Geschäftsführerin des Friedrich-Zentrums in Greifswald, legt diverse Zeichnungen wie Folien übereinander, um seine Kompositionen anschaulich zu machen.

Auf Rügen hat sich Hannes Knapp, Leiter der Naturschutzakademie auf der Insel Vilm, mit Friedrichs Standorten beim fast fotografisch genauen Skizzieren befasst. Leere, Einsamkeit und Stille hätten Friedrichs in sich gekehrtem, scheuem Charakter entsprochen, sagt er beim Spaziergang am Wreechener See bei Putbus. Landschaft sei gemäß der romantischen Auffassung für Friedrich nicht mehr bloß Hintergrund, Staffage, sondern Ausdruck der Schöpfung, Güte und Gnade Gottes gewesen. Über seine verschollene „Landschaft mit Regenbogen“ schrieb Friedrich, so wie „der liebe Gott“ die Sonne scheinen lasse über Gerechte und Ungerechte, müsse auch der Maler „diese himmlische Erscheinung über eine dem erhabenen Gegenstand würdige Landschaft ausspannen“.

Von diesem Verhältnis zur Landschaft könnten wir wieder lernen, sagt Knapp, der in Greifswald Kulturlandschaftsgeschichte lehrt. Der Professor blickt in die Weite zur Insel Vilm, die mal abgeschlossene Feriensiedlung für den DDR-Ministerrat war und nun ganz dem Naturschutz gehört: „Hier ist sie noch so idyllisch, malerisch und paradiesisch wie vor 200 Jahren.“

Orte der Romantik

Greifswald

Ein „Bildweg“ mit 15 Stationen erschließt Kunstinteressierten die lebendige, hübsche Stadt. „Romantik gehört zur Erbsubstanz, zur DNA Greifswalds“, sagt Oberbürgermeister Arthur König. Hier war Caspar David Friedrich vom Uni-Dozenten und Architekten Johann Gottfried Quistorp vier Jahre lang ausgebildet und zum Zeichnen in der Natur animiert worden. Im Caspar-David-Friedrich-Zentrum werden das harte, schon wegen des Gestanks der Tierfette unbeliebte, aber einträgliche Handwerk des Vaters, eines Seifensieders und Kerzenmachers, und die Familiengeschichte anschaulich dargestellt.

Das Geburtshaus, vom Vater 1765 erworben, brannte 1901 ab, bis 1978 war der Neubau in Familienbesitz. Noch bis Ende der 80er gab es hier ein Geschäft, das Backsteingebäude war den Greifswaldern als „rote Drogerie“ vertraut. Teile der väterlichen Werkstatt sind erhalten. Im Keller stehen riesige Kessel, Kinder können hier Kerzen aus Bienenwachs ziehen. Die sehr zeitaufwändige und komplexe Herstellung von Seife sei kaum zu rekonstruieren, sagt Geschäftsführerin Papenfuß. Zu sehen sind aber alte Verzier-Stempel der Luxusseifen. Geld verdiente man aber vor allem mit Schmier- und Kernseife für die Wäsche.

Der Vater, ein gewiefter Geschäftsmann, belieferte auch den ein paar Schritte entfernten Dom St. Nikolai mit Kerzen, Caspars Taufkirche. Dessen Bruder, ein Tischler, schuf dort 1823/24 bis 1832 Gestühl, Kanzel und Orgeleinfassung. Original Kirchenbänke stehen auch im Museum.

Caspar David, der in eine innig-pietistische Frömmigkeit hineinwuchs, hatte eine enge Bindung zu den Geschwistern, er beriet die Brüder auch in ihrem jeweiligen Handwerk. Caspar, der selbst kein geschickter Vermarkter seiner selbst war, der eigenwillig war, zurückgezogen lebte, keine Kompromisse machte, schenkte ihnen Gemälde, dem ältesten Bruder etwa die „Klosterruine Eldena im Riesengebirge“, die bei den Familien sozusagen überm Sofa hingen, mit denen sie tagein tagaus lebten. Dafür bekam er Gänse und andere handfeste Unterstützung aus der Heimat. Eine Laden-Einrichtung, die er entwarf, ist vor wenigen Jahren für den Shop des Friedrich-Zentrums verwirklicht worden.

Jedes Mal, wenn Friedrich nach Greifswald kam, ging er zuerst zur Ruine der Zisterzienser-Abtei Eldena, die er „unendlich geliebt hat“, so Birte Frenssen. Vor dem Abriss gerettet wurde sie später vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV., dem „Romantiker auf dem Thron“. Er hatte die „Abtei im Eichwald“ und den „Mönch am Meer“ quasi im Kinderzimmer hängen und verstand, was die Romantiker am „vaterländischen Altertum“ schätzten.

Manchmal musste Friedrich, der eigentlich ungern Figuren malte, auch Familienmitglieder zeichnen - als wollten die Verwandten sehen, was der in Dresden lebende Maler eigentlich kann und zuwege bringt.

Heute sind einige Friedrich-Originale im wunderbaren Pommerschen Landesmuseum zu finden - darunter auch die Schönschreibübungen des 13-Jährigen mit moralischen Spruchwahrheiten. Ein neues Forschungsprojekt des Friedrich-Zentrums beschäftigt sich mit dessen Nachfahren, sagt Susanne Papenfuß: „Sie sind genau so scheu wie Friedrich.“

Rügen

„Hier war Friedrich wirklich überall“, sagt Matthias Ogilvie, Betreiber des Panorama-Hotels in Lohme, der Wanderungen durchs Weltnaturerbe der Buchenwälder und im Nationalpark Jasmund zum Königsstuhl anbietet. Außer von der Kreideküste an der Stubbenkammer war Friedrich vom Kap Arkona fasziniert, von Eichen, Opfersteinen, Hünengräbern. Friedrich legte ein enormes Pensum und lange Wegstrecken zurück, meist allein. Nur auf seiner Hochzeitsreise - als der 43-Jährige eine 20 Jahre Jüngere geheiratet hatte - wurde er begleitet von Braut, Bruder und Schwägerin. Das fand er eine „Lumperei“, weil er nicht skizzieren konnte, wie er wollte, und im Wagen fahren musste.

Einen Tourismus, wie er heute die Insel dominiert, gab es natürlich noch nicht. Zu Gast war Friedrich auch bei Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) in Altenkirchen, einem bestens vernetzten, im Stil der Empfindsamkeit dichtenden Pastor. Des Morgens denk’ an deine Bestimmung, des Abends denk an deinen Tod - besser, so sagt es Frenssen, als mit diesen Versen Kosegartens „kann man Romantik nicht zusammenfassen“.

Für den von Kosegarten initiierten schlichten Kapellen-Neubau im heute noch idyllischen Fischerdorf Vitt er einen Entwurf schuf. Kosegarten hatte bis dahin für die Fischer immer am Strand gepredigt. In der beeindruckenden, achteckigen kleinen Kapelle hängt heute eine Runge-Kopie seines Petrus auf dem Meer über dem Altar. Auch die Freiluft-Gottesdienste erfreuen sich heute wieder großer Beliebtheit.

Stralsund

Am Hafen zeichnete Friedrich wie ein Besessener - gut möglich, dass er hier die Idee für das Gemälde „Auf dem Segler“ (1818/20) fand. Es zeigt ein Paar mit frischem Mut am Beginn seiner gemeinsamen Lebensfahrt, der Wind, so Birte Frenssen, lässt die Herzen wie die Segel schwellen. Ein Paar kaufte es auch: Charlotte Luise von Preußen und der spätere Zar Nikolaus I., der in Dresden Friedrichs Atelier besuchte. Heute hängt es in St. Petersburg.

Napoleon nutzte die herrlichen Backsteinkirchen der Ostseeküste als Pferdeställe. Mit Enthusiasmus, begeistert von der bis dahin als „barbarisch“ verachteten Gotik, die erst die Romantiker als vermeintlich „ächt germanischem Stil“ wieder schätzten, entwarf Friedrich detailliert die neogotische Restaurierung der Marienkirche - Pläne, die aber in die Schublade wanderten und heute in Nürnberg aufbewahrt werden. Der Blick sollte in den gotischen, hohen Kirchenräumen emporgerissen, der Geist beflügelt werden, sagte Birte Frenssen, der Mensch sich demütig vorkommen vor Gott. „Friedrich der Freak“, wie Frenssen es formuliert, entwarf gleich auch noch Kelch und Leuchter in seiner Formensprache.

Wolgast

Das Geburtshaus Philipp Otto Runges (1777-1810) in der ehemaligen Residenzstadt der pommerschen Herzöge ist dank einer überzeugenden Konzeption ein Muss für Kunstfreunde. Es gibt kein original Mobiliar, geschweige denn Gemälde (die allermeisten der nur 35 Ölbilder hängen in Hamburg), doch klug gestaltete Räume bringen einem den tuberkulosekranken Maler nahe, den Goethe „zum rasend werden, toll und schön zugleich“ nannte.

Tipp: Birte Frenssen/Thomas Grundner: Natürlich romantisch. Caspar David Friedrich & Freunde in Mecklenburg-Vorpommern. Hinstorff, 144 S., 39,99 Euro

Zu sehen sind zum Beispiel die Scherenschnitte, mit denen der kränkelnde Knabe sich die Zeit vertrieb, und Reproduktionen der Bilder, darunter des ersten monumentalen bürgerlichen Familiengemäldes der deutschen Kunstgeschichte, wie Leiterin Barbara Roggow sagt. Sie berichtet vom Alltag der Familie mit elf Kindern in zwei Stuben, von denen nur vier 18 Jahre alt wurden, und von Runges Ausbildung, die vom Rektor Kosegarten gefördert wurde - jener Kosegarten, der dann Pastor auf Rügen war - und vom älteren Bruder, einem Kaufmann in Hamburg, von seiner Braut, um die Runge lange werben musste, und der „Unendlichkeit des Gefühls“, der er in seiner Kunst Ausdruck gab. „Gefährlich nah am Abgrund“ war Runge, was Goethe beispielsweise gleichermaßen faszinierte wie verstörte, und als seine Schwester 18-jährig starb, hatte er keine Reserven mehr, lag er nur noch im Bett, sich seinen Gefühlen überlassend.

Roggow erzählt vom „Wegbereiter der Moderne“, der eine Farbenlehre entwarf („dieses System ist unübertroffen“), der zwei Märchen (Von dem Machandelboom, Vom Fischer und syn Fru) der Grimm’schen Sammlung beisteuerte und die Doppelfigürlichkeit auf französischen Spielkarten einführte. „Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen“, notierte er. Sein jüngstes wurde am Tag nach seinem frühem Tod geboren.

Ludwigsburg

Über die Ausstellung im letzten erhaltenen Schloss eines pommerschen Herzogs ließe sich viel erzählen. Ein beeindruckender, gleichzeitig deprimierender Ort: Schloss und Gutshof mit Stallungen, Wirtschaftsgebäuden und Speicher sind in überwiegend desolatem Zustand, die Erben des letzten Besitzers 1945 als Eigentümer und ein Förderverein hoffen auf die Rettung der Gebäude und Nutzungsideen. Nach dem Krieg beherbergte das Schloss mit seiner Jahrhunderte alten Bausubstanz, darunter etwa eine alte Badestube und Kamine, Flüchtlinge, bis 1990 waren Küche und Kantine einer LPG hier untergebracht. 1778 wurde hier Friedrich August von Klinkowström in eine begüterte Familie geboren. Seine Offizierskarriere gab der Freund Runges wegen eines Sprachfehlers auf, weil er auf eine höhere Laufbahn verzichten musste. Seine künstlerische Ausbildung bei Quistorp musste er wie Runge mühsam durchsetzen, obwohl er aus einem kultivierten Haus kam, mit Bibliothek, Gemäldesammlung, Reitpferden, Geige spielte, auf Französisch parlierte. In Dresden nahm ihn auch der ältere Caspar David Friedrich unter seine Fittiche („eine Romantiker-Männer-WG“, sagt Birte Frenssen), doch Klinkowström war weniger begabt als die Freunde, die einander ein Leben lang treu waren, sich umeinander sorgten.

Klinkowström hatte immer Probleme, etwas zu vollenden, durch politische und Kriegswirren war sein Lebenslauf zusätzlich turbulent - zeitweilig bewirtschaftete das elterliche Gut, in Wien konvertierte er und gründete er eine Erziehungsanstalt für katholische Knaben, das „Klinkowströmsche Institut“. Dort starb er 1835. In der Greifswalder Marienkirche hängt seine Kopie einer „Heiligen Nacht“ von Correggio.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.