Ein Instrument für die Zukunft: Die neue Orgel in der Kasseler Martinskirche

Instrument als „Soundwall“: Über die gesamte Breite der Empore erstreckt sich die neue Orgel in der Kasseler Martinskirche. Foto: Schachtschneider

Kassel. Eine Orgel kann im günstigsten Fall über Jahrhunderte gespielt werden. Ein Orgelneubau ist daher ein Projekt, das weit in die Zukunft reicht.

In gleich mehrfacher Hinsicht zukunftsweisend ist die neue Orgel der Kasseler Martinskirche, die am Pfingstsonntag mit einem Festgottesdienst und mit einem großen Konzert eingeweiht wurde. Das von der renommierten Vorarlberger Orgelbaufirma Rieger erbaute Instrument steht wegen zahlreicher klanglicher und technischer Neuerungen in der internationalen Orgellandschaft einzigartig da. Doch bis die ersten Töne erklungen sind, bleibt die spannende Frage: Hält das so ambitioniert geplante und handwerklich hochwertig gefertigte Orgelwerk in der Praxis, was es bei der Planung versprochen hat?

Die frohe Erkenntnis nach dem Eröffnungstag lautet: Die neue Orgel übertrifft nicht nur die hohen Erwartungen, die an die Klangarchitektur und ihre Anpassung an den Kirchenraum gestellt wurden, sondern sie wartet auch mit einer überwältigenden Vielfalt klanglicher Möglichkeiten auf – die nach den Darbietungen des ersten Tages noch längst nicht ausgeschöpft sein dürften.

Gottesdienst und Konzert

Mit Johann Sebastian Bachs großem Es-Dur-Präludium ließ Kirchenmusikdirektor Eckhard Manz die Orgel im Gottesdienst erstmals erklingen. Der kraftvolle, runde und zugleich transparente Klang zeigte sogleich: Bei all seinen klanglichen Neuerungen verfügt das Orgelwerk auch über einen äußerst fundierten klassischen Kern.

Bischof Martin Hein, Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen als Schirmherr, Orgelbauer Wendelin Eberle („Das Instrument hat uns alles abverlangt“) und Kuratorin Susanne Pfeffer äußerten ihre Freude über das gelungene Werk, das mit einer Uraufführung von Michael Töpel und dem mitreißend gespielten Allegro aus Widors 6. Orgelsinfonie die Gottesdienstgäste erfreute.

Spektakulär: Der Haarvorhang der neuen Orgel Foto: Fischer

Die Stellung der Kasseler Martinskirche als international herausragende Adresse für neue Kirchenmusik soll – und wird – mit der neuen Orgel weiter gestärkt werden. Auch deshalb eröffnete Eckhard Manz das erste Konzert mit György Ligetis „Volumina“, einem Klassiker der Moderne, der mit großen Klangclustern arbeitet.

Was die Orgel klanglich „drauf hat“, führte Manz unter anderem mit zwei Uraufführungen von Christian Wolff und Sergeji Newski (hier mit Orgel und Stimme) vor, in denen die speziellen Effekte des flexiblen Winddrucks und der Vierteltonklaviatur, die mikrotonales Spiel erlaubt, eindrucksvoll zur Geltung kamen.

Aber auch die französische Orgelromantik (César Francks A-Dur-Fantasie), der deutsche Barock (Bachs c-Moll-Passacaglia) und nicht zuletzt die Klangextreme von Franz Liszts gewaltiger Fantasie und Fuge über „Ad nos ad salutarem undam“ kamen in Eckhard Manz’ fulminantem Konzert wunderbar zur Entfaltung.

Das Instrument

Die vom norwegischen Künstler Ingve Holen entworfene räumliche Gestaltung – deren optisches Highlight ein sich bewegender Vorhang von Kunsthaaren ist – über die ganz Breite des Raumes führt zu dem starken klanglichen Effekt einer „Soundwall“ (Susanne Pfeffer). Die Orgel, die mit der Hinzufügung eines beweglichen Moduls im kommenden Jahr 90 Register und 5675 Pfeifen umfassen wird, hat 2,5 Millionen Euro gekostet. Spenden von bisher 900 000 Euro leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

Das Orgelfestival

Bis Ende August finden im Rahmen eines Orgelfestivals, das die Kulturstiftung des Bundes unterstützt, jeweils samstags Konzerte für Orgel solo mit renommierten Interpreten und mittwochs erweiterte Konzerte „Orgel plus“ statt. Täglich gibt es außerdem vor- und nachmittags Orgel-Improvisationen. www.musik.martinskirche.de

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