Inszenierte Wirklichkeit: Medienwissenschaftler  kritisiert Pseudo-Doku-Sendungen

Bernhard Pörksen

Erst kürzlich warf Sarah H., Teilnehmerin der Sat-1-Kuppelshow  „Schwer verliebt“, dem Sender vor, gestellte Szenen und erfundene Dialoge zu präsentieren. Zudem würden die Teilnehmer bewusst dem Gespött der Öffentlichkeit preisgegeben. Derartige Sendungen gibt es mittlerweile viele im Fernsehen.

Sie folgen einem Drehbuch mit Laienschauspielern und spiegeln, anders als eine klassische Dokumentation, nicht die Wirklichkeit wider, sondern sind von vorn bis hinten inszeniert. Neudeutsch spricht man von „Scripted Reality“ - als Drehbuch geschriebene Wirklichkeit. Knapp die Hälfte aller Zuschauer, vor allem die Jüngeren, glaubt bei „Scripted Reality“-Sendungen an echte Fälle. Das ergab eine aktuelle Studie, berichtet der „Spiegel“.

„Scripted Reality ist versuchter Publikumsbetrug“, meint der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Man benutze die Mittel des Dokumentarischen und suggeriere eine Echtheit, die es nicht gibt, so der 42-Jährige. „Erst im Abspann, gleichsam im Kleingedruckten, wird darauf hingewiesen, dass es sich um erfundene, gestellte Geschichten handelt“, kritisiert der Professor.

„Scripted Reality ist versuchter Publikumsbetrug.“

Zudem würden derartige Formate in aggressiver Weise Klischees transportieren. „Es handelt sich um Sozialpornografie: Hartz-IV-Empfänger sind dumm und dem Argument nicht zugänglich; allein erziehende Mütter sind überfordert und schreien immer; arbeitslose Väter sitzen zu Hause, saufen und terrorisieren ihre Familie. Das sind die Ultrakurzformeln, mit denen hier scheinbar Realität transportiert wird“, ist sich Pörksen sicher, der das Buch „Die Castinggesellschaft“ verfasst hat.

Etwas anders sieht dies der auch im realen Leben als Anwalt tätige Carlos A. Gebauer, bekannt aus der RTL-Gerichtsshow „Das Strafgericht“ und vom Sat-1-Format „Die 2 - Anwälte mit Herz“: „In den von mir mitgestalteten Gerichtsformaten haben wir mit großem personellen Aufwand sichergestellt, präzise juristische Arbeit vorzuführen.“

Auf die Frage, warum er dort mitspiele, antwortet er: „Es macht Spaß und ist ein Ausgleich zum Anwaltsalltag. Außerdem eröffnet es die Perspektive, weiten Kreisen der Bevölkerung die Angst vor dem Recht zu nehmen.“

Dennoch würde der Anwalt nicht in allen „gescripteten“ Formaten mitspielen. „Bei rein erfundenen Fällen wäre ich nicht dabei. Fiktion verführt nämlich dazu, ins gänzlich Absurde abzugleiten. Reale Fälle sind deftig genug, um gleichermaßen zu unterhalten wie zu informieren“, erklärt Gebauer.

Trotz aller Kritik sind die „gescripteten“ Fernsehsendungen sehr erfolgreich. Medienwissenschaftler Pörksen erklärt die Zuschauerfaszination so: „Scripted-Reality-Shows erlauben es, sich ohne intellektuelle, ökonomische oder sonstige Kosten über andere Menschen zu erheben. Das ist die leichteste Form, Unterschiede herzustellen. Man blickt einfach voll Abscheu auf die Leute herab, die einem aus dem Fernsehen entgegentreten.“

RTL meint dagegen zu seinen „Scripted Reality“-Formaten: „Wir wissen von unseren Zuschauern, dass sie am Nachmittag vor allem eines wollen: Unterhaltung. Genau das bekommen sie bei uns.“

Von Michael Schorn

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