Armin Petras theatralisiert Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ am Maxim Gorki Theater

Die Inszenierung banalisiert das Grauen

Sechs Darsteller reden einzeln und im Chor: Szene mit Anja Schneider und Max Simonischek. Foto:  Drama Berlin

Berlin. Diese Inszenierung ist ein immenses Missverständnis. Es kann sein, dass Armin Petras, der unbeirrbare Theatralisierer von Büchern und Filmen, meinte, seine Adaptions-Energien an einem Roman abarbeiten zu müssen, der sich einer solchen Umsetzung demonstrativ entzieht. Petras selbst, früher Schauspieldirektor in Kassel, hat berichtet, dass Littell anfangs eine Dramatisierung von „Die Wohlgesinnten“ strikt abgelehnt hat.

Littells 1359 Seiten lange fiktive Autobiografie eines SS-Obersturmbannführers versammelt zahllose Figuren, aber sie alle sind, wie der makabere Held, ohne Charakterzeichnung vorgeführt. Der Stoff ist zur Ästhetisierung ungeeignet. Doch auf dieses Glatteis hat Petras sein Ensemble geschickt. Er ist ausgerutscht.

Bereits die Bühne wirkt als Zumutung. Ein monströser Spiegel, in dem sich das Publikum abbildet, ist wirklich kein neuer Einfall. Hier wird undistanziert die Vereinnahmung durch den Unmenschen nachvollzogen. Peter Kurth sitzt, herausgeleuchtet, oben im Rang als der alte Maximilian Aue, der nach dem Krieg unerkannt eine Fabrik in Frankreich betreibt und keine Reue zeigt.

Der Roman ist eine Aneinanderreihung von Stationen, an denen Aue buchstäblich über Leichen geht. Daraus wird eine diffuse Angelegenheit. Petras braucht nur sechs Akteure, Spieler und Erzähler zugleich, sie reden einzeln und als Chor. Die Rollen werden anonymisiert, verzappelt, Konturen lösen sich auf. Max Simonischek, Darsteller des jungen Aue, figuriert auch als gebärende jüdische Mutter, deren Neugeborenes bestialisch getötet wird.

Die Inszenierung banalisiert. Sie vermittelt nichts davon, dass Aue ein belesener, kultivierter, promovierter musikliebender Jurist ist. Seine exzessiven schwulen Erlebnisse werden wie nebenbei abgehandelt. Wie immer man das vor Unmenschlichkeit, Blut, Inzest-Verstrickungen und Verdauungs-Details strotzende Buch beurteilt – Petras‘ Inszenierung gibt einen verquollenen Best-of-Abklatsch.

Am 7., 15., 21. 10., Tel. 030-20221-115. www.gorki.de

Von Peter Hans Göpfert

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