Intensive Mischung aus Tanz, Orgel, Klavier und Gesang setzt Höhepunkt in der Reihe „Orgel Plus“ in der Martinskirche

Intensive Momente: Das Freie Tanzkollektiv Labyrinthos in der Martinskirche. Foto: Malmus

Kassel. „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren", dieser Satz der Ballettdirektorin Pina Bausch ist es, an den man sich bei der Premiere von „Harawi" in der Martinskirche erinnert: Als kleines Mädchen saß Bausch bei einer Zigeunerfamilie, als diese irgendwann diesen Satz sagte und anfing zu tanzen, sollte sie mitmachen.

Doch hatte sie große Hemmungen. So geht es am Anfang der Produktion des freien Tanzkollektivs Labyrinthos am Mittwoch wohl vielen Zuschauern in der ausverkauften Kirche.

Sie sollen nicht nur am Rand sitzen. Sie sollen sich zwischen den Tänzern im Innenraum bewegen - die Perspektive wechseln. Diesem Wunsch der Darsteller, die sich dunkel gekleidet auf dem Boden krümmen, kommen nur wenige nach. Die, die es machen, wirken fast störend zwischen den langsam zuckenden, sich rekelnden Menschen mit ihren schmerzverzerrten Gesichtern. Unruhe entsteht in einem intimen Moment, in dem bei den Tänzern Erinnerungen der Vergangenheit erwachen - an vergangene Liebe. Tiefe Gefühle. Besucher, die wie in einem Supermarkt zum nächsten (szenischen) Angebot ziehen, verträgt diese eigentlich kraftvolle Atmosphäre mit intensivem Orgelspiel nicht gut.

Zuerst erklingt das Stück „Litanies“, das unter dem Eindruck des Unfalltodes von Komponist Jehan Alains Schwester entstand - ein musikalisches Gebet, das sich in rauschhafte Ekstase steigert. Auch in den abschließenden „Trios Danses“ für Orgel verarbeitet Alain starke Emotionen mit kompositorischer Meisterschaft. Kantor Eckhard Manz an der Rieger-Orgel spielt Alains „Litanies“ und „Trois Danses“, Giulia Glennon vom Staatstheater am Klavier mit der stimmgewaltigen Sopranistin Anahita Ahsef interpretieren Olivier Messiaens „Harawi, chant d’amour et de mort“. Darin greift er eine (sinnliche) Liebesgeschichte auf, die mit dem Tode der Liebenden endet.

Bald haben die Tänzer und die Sopranistin ihre Bühne für die insgesamt zwölf Motive wieder für sich. In dem düster und dann wieder befreit wirkenden Innenraum, der ab und zu in Nebel versinkt und immer passgenau in Lichtstrahlen getaucht wird, tauchen sie ein in die Gefühlswelten aus Trauer, großer Liebe, Leichtigkeit, Verzweiflung und Leidenschaft. Es sei ein Monument der Erinnerungen, hatte Dr. Thorsten Teubl (Inszenierung) die Darbietung aus Tanz und Installation im Vorfeld beschrieben. Das 20-köpfige Kollektiv aus Profis, Semiprofis und Laien von 16 bis 76 Jahren, das in Ausdruck, Präsenz und Körperlichkeit ganz unterschiedlich ist, schafft tolle Bilder. Es entwickelt einen Sog. Besonders stark: die Waschungsszene und die Einbindung der Zuschauer am Schluss - sie legen kleine Steine auf die Körper der „verstorbenen Liebenden“, die sich im Jenseits wiederbegegnen. Poetisch-bedrohlich: absolute Liebe, absoluter Verlust.

Die Sopranistin - im weißen Kleid unter den dunklen Tänzer-Gestalten - reißt alle mit in den gefühlten Abgrund, der zu einem Höhepunkt der Reihe „Orgel Plus“ wird und an dessen Ende man denkt: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren.“

Von Maja Yüce

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