Intensiver Fluss

Meret Becker und das Dirk Raulf Orchestra im Schauspielhaus Kassel

Virtuos auch an der Singenden Säge: Sängerin Meret Becker. Foto: Schachtschneider

Kassel. Im am Sonntagabend nahezu ausverkauften Schauspielhaus präsentierte Dirk Raulf mit seiner multimedialen Komposition „60 Minuten.Flussabwärts“ eine höchst gelungene Klangcollage und mit Meret Becker eine ebenso sensible wie faszinierende Gesangssolistin.

Der erste Teil des Abends gehörte allerdings „Deep Schrott“, dem einzigen Bass-Saxofon-Quartett des Universums. Und das brachte mit seiner Vorliebe zu Heavy-Metal- Adaptionen ganz ohne Verstärkung die Ohren zum Pfeifen. Black Sabbath hätten „Paranoid“ und „Iron Man“ gleich für diese Besetzung schreiben sollen, so stimmig, aber auch überraschend frisch und neu erscheinen diese Klassiker.

„Vielen Dank, Sie sind sehr tapfer“, kommentiert Dirk Raulf den kräftigen Applaus. Doch die vier Herren von „Deep Schrott“ (neben Dirk Raulf sind es Wollie Kaiser, Andreas Kaling und Jan Klare) können auch anders und senden mit Albert Aylers hymnischen „Our Prayer“ eine von tiefem Soul getränkte nachweihnachtliche Stimmung in den Saal.

Dann folgt „60 Minuten.Flussabwärts“, eine raffiniert ausgetüftelte Meditation über die Ruhe und Kraft des Wassers, bebildert mit einer den ganzen Bühnenhintergrund einnehmenden Projektion. Von einer taktgebenden Computerspur zusammengehalten, entfaltet sich ein geradezu zappaeskes Panoptikum an elektronischen Klangtexturen (Frank Schulte), überlagerten Rhythmen (Dirk Peter Kölsch), zupackender Gitarre (Thorsten Drücker) und atmosphärischen Songs.

Immer wieder klingt die von Tom Waits inspirierte Technik an, schepperndes Schlagzeug und angeschrägte Bläsersätze mit dem emotionalen Ton von Glockenspiel und Singender Säge (von Meret Becker meisterlich gespielt) zu kombinieren.

Einer der vielen intensiven Momente entsteht, wenn Meret Becker mit feiner klarer Chanson-Stimme Randy Newmans „In Germany before the War“ intoniert und danach von Frank Schulte mit einem Detektor abgestrichen wird, sodass nur ein leichtes brutzelndes Geräusch in der Stille liegt.

So hört sich Programm-Musik im Jahre 2015 an: nah am Thema, aber gespickt mit gesellschaftlichen Querverweisen und schroffen Energieentladungen, dann wieder aufgefangen von nostalgischem Charme und filmmusikalischer Eleganz. Das Schauspielhaus bot dafür einen idealen Rahmen.

Lang anhaltender Applaus für Dirk Raulf und sein Orchestra und mit „Simple Song“ eine augenzwinkernde Zugabe.

Von Hartmut Schmidt

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