Intensives Karfreitagskonzert des Staatsorchesters

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Die Solisten des Bach-Doppelkonzerts: Razvan Hamza (links) und Dimitrios Papanikolau (rechts). Dahinter der Ensemble-Geiger Wolfgang Schnur.

Kassel. Ingvar Lidholm, der 92-jährige schwedische Komponist, beginnt sein Orchesterwerk „Kontakion“ von 1978 mit einem clusterartigen Schmerzensschrei. Dieser wird sich mehrmals wiederholen in dem Stück, das so verzweifelt beginnt - und trostlos endet.

Nur aus der Ferne bringt eine gedämpfte Trompetenstimme (eindringlich: Max Westermann) etwas Licht ins Dunkel.

Düsterer hätte das Karfreitagskonzert des Kasseler Staatstheaters unter der Leitung von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg kaum beginnen können. Wie ganz anders Dmitri Schostakowitsch mit den Themen Leiden und Tod umgeht, zeigte der zweite Teil des Konzerts mit der nur sieben Jahre früher entstandenen 15. Sinfonie, Schostakowitschs letzter.

Zuvor aber verbreitete Johann Sebastian Bachs d-Moll-Doppelkonzert für zwei Violinen und Streicher Zuversicht, vor allem in den beiden kraftvollen Ecksätzen.

Tetsuo Hirosawa

Dass die beiden Solisten, Konzertmeister Razvan Hamza und der Stimmführer der zweiten Geigen, Dimitrios Papanikolau, aus dem Orchester hervortraten, war auch musikalisches Konzept: Sie gestalteten ihre Parts aus dem (hier kleinen) Ensemble heraus, frisch im Zugriff, aber ohne ausgeprägt solistische Attitüde. Schön gestaltet war der stimmungsvolle Largo-Satz. Gespielt wurde ohne Dirigent - Patrik Ringborg übernahm den Continuo-Part am Cembalo.

Rätselhaft komplex und doch von bestechender Klarheit - so präsentiert sich Schostakowitschs 15. Sinfonie den Zuhörern. Patrik Ringborg und das Staatsorchester brachten in einer außergewöhnlich packenden und herausragend gespielten Aufführung beide Seiten ins Gleichgewicht.

Ein schlichtes Flötenmotiv setzt sich fest, bevor ein Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre, ein Art Bonanza-Melodie des 19. Jahrhunderts, für Schmunzler sorgt. Doch dann scheint sich die Musik in rhythmischen Gegenläufigkeiten zu verlieren - ehe sie gewaltsam wieder zusammengeführt wird. Humor und Sarkasmus angesichts von Einsamkeit und Trauer: Schostakowitsch spielt hier mit dem Abgründigen - anders als Lidholm, der sich dem Schmerz einfach ausliefert.

Im langen Adagio-Satz mit seinem ins Mark gehenden Bläserchoral und einsamen Cellosoli (Risto Rajakorpi) lässt Schostakowitsch auch direktere Einblicke ins Innenleben zu. Überdeutlich beginnt dann der Finalsatz mit dem Zitat der Todverkündigung aus Wagners „Walküre“. Was am Ende übrig bleibt, sind leere Motive in den Schlaginstrumenten.

Langer Beifall in der ausverkauften Stadthalle belohnte dieses intensive Konzert. Für den Soloklarinettisten Tetsuo Hirosawa war es das letzte nach 39 Jahren Tätigkeit im Staatsorchester. Er wurde unter viel Applaus in den Ruhestand verabschiedet.

Von Werner Fritsch

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