Interview mit Yoel Gamzou und Marco Zeiser-Celesti

International Mahler Orchestra - „Musik, die die Hörer mitnimmt“

Marco Zeiser-Celesti und Yoel Gamzou

Kassel. Yoel Gamzou (26) hat als Erster Kapellmeister des Kasseler Staatsorchesters nicht zuletzt mit einer Aufführung der von ihm vollendeten 10. Sinfonie Gustav Mahlers für Furore gesorgt. Am Freitag stellt er sich erstmals als Dirigent des von ihm gegründeten International Mahler Orchestra in Kassel vor.

Das demokratisch verfasste Projekt-Orchester besteht aus jungen aufstrebenden Musikern und Orchesterprofis aus 18 Nationen. In Kassel tritt es als Streichorchester ohne Bläser auf. Es wird von Gamzou und dem Chordirektor des Staatstheaters, Marco Zeiser-Celesti, geleitet. Wir sprachen mit den beiden Dirigenten.

Herr Gamzou, Sie haben 2006 das International Mahler Orchestra gegründet. Wieso gründet man mit 19 Jahren ein Orchester? 

Yoel Gamzou:  Ich hatte schon immer das Gefühl, dass Orchester auch anders als auf traditionelle Weise funktionieren können. Ich wollte weg von der hierarchischen Struktur Dirigent - Konzertmeister - Stimmführer - Tuttist. Außerdem fehlt für junge Musiker eine Stufe zwischen Jugendorchestern und Profiorchestern. Ich wollte sehr verschiedene Leute zusammenbringen, jung und alt, Orchestermusiker, Solisten, Kammermusiker. Mein Ziel ist nicht ein möglichst homogener Klangkörper, sondern ein Orchester, das aus Individuen besteht. Ich möchte die auch hören, denn das ergibt einen sehr lebendigen, vielseitigen Klang.

Ihr Orchester ist demokratisch verfasst. Man kann sich das bei der Auswahl der Stücke vorstellen, aber funktioniert das auch, wenn es um die Interpretation geht? 

Gamzou: Dazu ist es natürlich nötig, dass alle Musiker in der Lage sind, darüber zu entscheiden. Jeder beschäftigt sich bei uns mit der Partitur, also mit dem ganzen Stück, und nicht nur mit der Stimme, die er spielt.

Und wie sieht das praktisch aus? 

Gamzou:  Natürlich bietet der Dirigent ein Interpretationskonzept an. Ihre Kommentare zur Interpretation notieren die Musiker während der Probe. Und danach werden die aufgetauchten Fragen besprochen. Da muss jeder seine Meinung begründen. Und wenn man sich nicht einig wird, kann auch abgestimmt werden.

Herr Zeiser-Celesti, haben Sie schon einmal so mit einem Orchester gearbeitet? 

Marco Zeiser-Celesti: Ich habe mit Jugendorchestern und mit Profiorchestern gearbeitet, aber noch nie auf diese Weise. Ich kann es kaum erwarten, dass die Proben am Sonntag beginnen.

Gamzou: Ich muss ergänzen, dass das Konzept des Dirigenten nur dann in Frage gestellt wird, wenn es Mängel aufweist. Die Musiker sind schon in der Lage, sich auf unterschiedliche Konzepte einzustellen. Aber sie müssen davon überzeugt werden.

Herr Zeiser-Celesti, Sie dirigieren am Freitag das Streicherkonzert von Nino Rota und die Kammersinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Sind das Ihre Wunschstücke? 

Zeiser-Celesti: Es ist meine Auswahl aus mehreren Vorschlägen. Ich finde es interessant, Musik von zwei Filmkomponisten, wenn man so sagen darf, gegenüberzustellen. Beide Stücke sind in den 60er-Jahren entstanden, entstammen aber völlig verschiedenen Welten.

Herr Gamzou, Sie dirigieren das berühmte Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie und von Erich Wolfgang Korngold die sinfonische Serenade. Auch diese beiden Stücke stammen aus dem 20. Jahrhundert. Alle Werke des Konzerts sind aber im weiteren Sinne tonal. Ist das Ihr ästhetisches Konzept? 

Gamzou: Meine Skepsis gegenüber der Avantgarde ist bekannt. Es gibt daneben viel geniale Musik des 20. Jahrhunderts, die selten gespielt wird. Die Stücke, die wir spielen, zeigen, dass es auch einen Weg in die Zukunft gibt, der neu und original ist und der die Zuhörer mitnimmt - und zwar nicht einfach, um ihnen zu gefallen.

Neben Musik für Streichorchester ist in Ihrem Konzert viel Kammermusik zu hören. Und der Hessen-Champion im Poetry Slam, Samuel Kramer, wird eigene Texte beisteuern. Was für eine Idee steht dahinter? 

Gamzou: Eine Unterscheidung nach Gattungen, Orchester- oder Kammermusik, interessiert uns nicht sehr. Wichtig ist die Verbindung der Stücke und dass sich Musiker auch solistisch präsentieren können. Das Konzert ist in drei nicht zu lange Teile unterteilt, wir spielen in der Mitte des Saales, und das Publikum um die Musiker herum soll möglichst eng einbezogen werden.

Zeiser-Celesti: Und wir fanden den 17-jährigen Poetry-Slammer Samuel Kramer so interessant, dass er den Abend durch seine Texte bereichern soll. Ob er dabei auf die Musik eingeht oder nicht, bleibt ihm überlassen.

Was erwarten Sie von Ihrem Publikum?

Gamzou:  Eine ehrliche Reaktion, und nicht einfach höfliches Klatschen. Wem es nicht gefällt, der soll buhen und Tomaten schmeißen, wem es gefällt, soll das ebenfalls äußern. Für uns Musiker ist es wichtig zu wissen, was wir bei den Zuhörern ausgelöst haben. Mir ist noch eine Sache wichtig: Ich bin vom Kasseler Publikum sehr warm empfangen worden, und ich möchte hier einmal die andere Seite meiner musikalischen Arbeit präsentieren.

Zur Person

Marco Zeiser-Celesti  (52, verheiratet, links) wurde in Rom geboren und studierte am Salzburger Mozarteum Orchesterleitung (Michael Gielen) sowie Chorleitung. Seit 2005 ist er Chordirektor am Staatstheater Kassel.

Yoel Gamzou  (26) wurde in Tel Aviv geboren und erhielt früh Cello-Unterricht. Mit 15 setzte er seine musikalische Ausbildung in New York fort. In Italien war er Dirigierschüler von Carlo Maria Giulini. 2006 gründete er das International Mahler Orchestra. 2003 begann er mit der Fertigstellung von Gustav Mahlers unvollendeter10. Sinfonie. Uraufführung war 2010 in Berlin. Seit 2012 ist Gamzou Erster Kapellmeister am Staatstheater Kassel. Er lebt in Berlin und Kassel.  

Das Konzert

Konzert: Freitag, 13.12., 20 Uhr, Stadthalle Kassel.

HNA-Kartenservice: Tel. 0561-203 204.

International Mahler Orchestra.

Solisten: Stefan Hadjiev (Violoncello), Marianne Lecler (Harfe).

Dirigenten: Yoel Gamzou und Marco Zeiser-Celesti

• J. S. Bach: Sätze aus der 2. Suite für Violoncello solo BWV 1008

• Gustav Mahler: Adagietto aus der 5. Sinfonie

• Gedicht (Samuel Kramer)

• Claude Debussy: Danse sacrée, danse profane für Harfe und Streicher - Pause

• Nino Rota: Concerto per Archi

• Maurice Ravel: Introduction und Allegro für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett

• Dmitri Schostakowitsch: Kammersinfonie op. 110a - Pause Gedicht (Samuel Kramer)

• Erich Wolfgang Korngold: Sinfonische Serenade

Von Werner Fritsch

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