"In Krisen wird Heimat immer wichtiger"

Wissenschaftlerin: "Die Zeitschrift Landlust ist kein Ausdruck von Heimatbewusstsein"

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Auch ein Ortsschild kann heimatliche Gefühle wecken.

Je kleiner die Welt wird, desto wichtiger ist die Heimat für uns. Das hat aber nicht nur mit der Globalisierung zu tun, sagt die Kulturanthropologin Carola Lipp, sondern auch mit der Flüchtlingskrise. 

Mit Heimat verbinden viele Menschen den Ort der Kindheit und schöne Landschaften. Sie ist jedoch viel mehr als das. Über den Begriff und die neu entdeckte Liebe der Deutschen zur Heimat haben wir mit der Göttinger Professorin Carola Lipp gesprochen, die am Institut für Kulturanthropologie arbeitet. 

Sie leben seit Jahren in Göttingen, kommen aber aus Tübingen. Wo ist Ihre Heimat?

Carola Lipp: Das hat sich verändert. Früher hätte ich immer Baden-Württemberg gesagt, weil ich die Schwäbische Alb so liebe. Aber ich bin schon 1989 nach Göttingen gekommen. Mittlerweile lebe ich so lange hier, dass ich fast eine Göttingerin geworden bin. Normalerweise ist Heimat der Ort der Kindheit und Jugend, weil in diesem Alter Eindrücke und Erfahrungen am prägendsten sind. Im Lauf der Zeit verblassen diese Erinnerungen jedoch. Dann zählt die Qualität der Welt, in der man wohnt und Leute kennt. Das verändert die Heimatgefühle. Außerdem gibt es auch geistige Heimaten. Die finde ich eher in der Wissenschaft und meiner Liebe zu Büchern und zum Lesen.

Forscherin Carola Lipp

Der Begriff Heimat ist derzeit in aller Munde. Warum erlebt Heimat gerade eine Renaissance - von Titeln für Kochbücher über Magazine wie "Landlust" bis zum AfD-Parteiprogramm?

Lipp: Das ist ein Effekt, den wir beobachten können, wenn Fremdheit in den Alltag einbricht, wie in den 60er-Jahren nach den ersten EU-Zusammenschlüssen. Plötzlich gab es in allen deutschen Bundesländern Heimattage. Bei Festen wie den Hessen- und Niedersachsentagen versicherten sich die Leute noch einmal, wo sie hingehören und wer sie sind. Heute hängt es mit der Flüchtlingszuwanderung zusammen. Auf solche Fremdheitssituationen, die auch soziale und ökonomische Ursachen und nicht absehbare Folgen haben, wird häufig mit einer stärkeren Betonung der Heimat reagiert - sei es durch Schrebergärten, Vereine oder was man sonst für typisch deutsch hält.

Aber hat das nicht schon früher eingesetzt? Die Zeitschrift "Landlust" etwa verzeichnet seit Jahren steigende Auflagen - unter anderem weil sich die Menschen in einer globalisierten Welt, in der man ständig unterwegs ist, nach Geborgenheit sehnen.

Lipp: Das trägt ebenfalls zur Verunsicherung bei. Aber der Erfolg der "Landlust" hat mit Lebensstil zu tun. Die Zeitschrift zeichnet ein Bild vom Landleben, das es so nie gegeben hat. Sie ist auf Leser aus der Mittelklasse ausgerichtet, die die Realität der Naturzerstörung verdrängen wollen mit schönen Bildern. Das Land heute ist gekennzeichnet von Pendlerströmen, Zersiedelung, Monokulturen und stinkender Massentierhaltung, vor allem hier in Niedersachsen. Dörfer veröden heute, weil in ihnen wegen der arbeitsbedingten Landflucht nur noch alte Menschen wohnen. Da ist es doch schöner, wenn die Mittelschicht sich das Land als einen eleganten Garten vorstellt, in dem sie italienisches Essen serviert und Wein trinkt. "Landlust" ist also kein ein Ausdruck von Heimatbewusstsein. Mit dieser Zeitschrift eignet man sich einfach ein bisschen Grün an.

Angeblich stammt der Begriff aus dem sechsten bis achten Jahrhundert, als die Menschen während der Völkerwanderung viel umherzogen. Ist das Wort Heimat wirklich schon so alt?

Lipp: Auf jeden Fall kann man den Begriff bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. In der Romantik des 19. Jahrhunderts wurde das Innere auf Landschaften projiziert. Heimat war auch eine Form, sich eine Nation vorzustellen. Eine ganz große Rolle spielte Heimat während der Industrialisierung, als große Verlustgefühle aufkamen. Damals gab es eine Antigroßstadt- und Antimodernebewegung, die in Regionen wie Niedersachsen typischerweise Heimatschutzbewegung hieß.

Das Grimmsche Wörterbuch bezeichnete Heimat als den Landstrich, in dem man geboren wurde oder in dem man einen bleibenden Aufenthalt hatte.

Alle Artikel um unser Monatsthema "Willkommen daheim!" findet ihr hier.

Lipp: Das ist bis heute eine Teildefinition des Heimatbegriffs. Dieser Landstrich prägt Wahrnehmungsmuster, Werte und Orientierungen. Aber man muss sich dessen auch immer wieder vergewissern. Heimat hat man nicht selbstverständlich. In bestimmten Zeiten, vor allem in Krisen, betont man das Lokale, in anderen Zeiten ist es einem völlig wurscht. Angesichts der Globalisierung beobachten wir auch eine Glokalisierung, nämlich dass Leute global teilhaben und kommunizieren, etwa über Reisen und das Internet, sie sich gleichzeitig aber auf den unmittelbaren Nahraum fixieren.

Wie wurde der Begriff bei den Nazis zum Propagandawort?

Lipp: Angefangen haben damit nicht die Nazis. Das war im 19. Jahrhundert die Heimatschutzbewegung, die damals schon sehr konservativ bis reaktionär war. Das NS-Regime hat diese Ideologie trivialisiert und für seine Zwecke instrumentalisiert. Mit der Heimat vermengten sie vor allem die Idee des Herrschaftsanspruchs des Deutschtums und des Arischen, was schließlich zum Rassenwahn führte. Dabei waren die Nazis mit ihren ganzen Eroberungsfeldzügen totale Internationalisierer. Was für ein Widerspruch: Hier betonen sie die Heimat, dort besetzen sie mit ihren Soldaten ganz Europa.

Nach dem Krieg kamen die kitschigen Heimatfilme.

Lipp: Sie waren die einzige Form, in der sich die Deutschen trauten, ihr Deutschsein wieder zu thematisieren. Die meisten empfanden das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Es wurde klar, was die Deutschen eigentlich getan hatten. Die Rückbesinnung auf die eigene nationale Identität gelang für das breite Publikum am besten mit Heimatschnulzen. Da fanden sie die heile Welt, die eigentlich in Trümmern lag und die zu zerstören sich die Deutschen angeschickt hatten.

Im Russischen beschreibt das Wort "rodina" so etwas wie Heimat. Aber weder im Englischen noch im Französischen noch im Italienischen gibt es eine direkte Analogie zu Heimat. Warum ist das Wort typisch deutsch, so dass es wie das Wort "Kindergarten" Eingang ins Amerikanische gefunden hat?

Lipp: Es hat mit der deutschen Innerlichkeit seit der Romantik zu tun. Weil es lange keine nationale Einigung gab, war für die Deutschen das Emotionale wichtig. Durch die deutsche Romantisierung des Waldes hat das oft mit Natur und Landschaft zu tun. Im Vergleich dazu wurden die zivilisatorischen Fortschritte der Industrialisierung in Frankreich und England sehr viel gelassener gesehen als im Deutschen Reich, wo man daraus auch eine Verlustgeschichte machte.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause?

Lipp: Zuhause ist der feste Platz, wo ich wohne. Heimat ist etwas, das ich mit anderen teile. Es kann auch ein Geruch oder Blick sein. Es ist der Nahraum, den ich sehen und mit anderen zusammen erfahren kann. Man kann Heimat in der Gruppe finden, aber auch in Afrika, wenn man dort Vögel singen hört, die im Sommer in Deutschland leben. Trotzdem hat Heimat immer eine territoriale Komponente.

Die FDP wirbt in diesem Bundestagswahlkampf mit dem Slogan "Heimat wagen! Mit Mut und Optimismus." Es ist dieselbe Partei, die proklamiert: "Digital first, Bedenken second". Warum muss man heute noch mutig sein, um sich zur Heimat zu bekennen?

Lipp: Weil es immer noch eine reaktionäre Komponente hat. Durch die Geschichte hat Heimat eine braune Beifärbung. Es geht wohl vornehmlich darum, mit diesem Slogan Wähler der neuen Rechten abzuwerben. Das Internet und rechte Ideen sind ja kein Widerspruch. Das Netz ist vielmehr das Verbreitungsmittel für Meinungen, die so krude früher fast nur an Stammtischen verbreitet wurden. In dem Slogan schwingt die Angst mit, dass die AfD Heimat instrumentalisieren könnte. In eine ähnliche Richtung geht der Spruch der CDU: "Deutschland, in dem wir leben wollen". Auch hier wird an diffuse Heimatgefühle appelliert.

Heimat hat also immer auch etwas mit Verlust zu tun?

Lipp: Ja, man kann Heimat haben, sie verlieren und wiedergewinnen. Das Heimweh als Gefühl des Heimatverlusts wurde als erstes vom Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker beschrieben, der seine Heimat im 18. Jahrhundert als Soldat verlassen musste. Auch heutige Flüchtlinge machen diese Erfahrung. Wie früher die deutschen Flüchtlinge müssen sie sich Heimat immer wieder erarbeiten.

Zur Person

Prof. Dr. Carola Lipp stammt aus der Nähe von Tübingen und studierte Kulturwissenschaft, Germanistik und Politikwissenschaften. Nach ihrer Promotion kam sie 1989 an die Georg-August-Universität Göttingen, wo sie als Politische Kulturforscherin sowie Gemeinde- und Protestforscherin arbeitet. Derzeit schreibt Lipp an einem Buch über "Kredit und Civil Society im 19. Jahrhundert".

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