Interview mit Sängerin Stefanie Kloß zu neuem Album „Leichtes Gepäck“

Erfolgsband Silbermond dachte ans Aufhören

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Die Band Silbermond

Silbermond haben mehr als fünf Millionen Tonträger verkauft und waren doch fast am Ende. Die Pop-Band aus Bautzen dachte sogar ans Aufhören. Nun meldet sich das Quartett befreit zurück.

Das neue Album heißt „Leichtes Gepäck“, soll aber das schwierigste Silbermond-Album gewesen sein. Was war das Problem? 

Stefanie Kloß: Nach all den Jahren mussten wir Ballast abwerfen. Wir waren 20, als wir den Plattenvertrag unterschrieben haben. Dann waren wir unerwartet erfolgreich. Es war eine aufregende und spannende Zeit, aber wir haben nie eine Pause gemacht. Wir haben gemerkt, dass irgendetwas nicht mehr stimmte. Je älter man wird, desto mehr Gedanken und Druck macht man sich. Es fühlte sich nicht mehr so leicht an. Darum haben wir nach der vierten Platte die Stopptaste gedrückt. Wir haben uns gesagt: Entweder wir kriegen das hin oder wir lassen es.

Sie waren kurz davor, sich aufzulösen? 

Kloß: Das stand im Raum, ja. Als wir vor zehn Jahren den Plattenvertrag unterschrieben haben, haben wir uns geschworen: Lass uns niemals morgens aufwachen und sagen, wir müssen jetzt unseren Job machen. Und nun waren wir tatsächlich superunglücklich. Darum haben wir miteinander geredet und uns viel mit uns selbst beschäftigt. Wir wussten, dass das wehtun wird. Aber am Ende sind wir uns menschlich und musikalisch wieder nähergekommen.

Darum haben Sie sich neue Produzenten gesucht und in Nashville aufgenommen. Was war dort anders als im bandeigenen Studio in Berlin? 

Kloß: Erst einmal haben uns die neuen Produzenten kreativ beflügelt. Wir hatten seit zehn Jahren mit denselben Produzenten aufgenommen - und zwar auch noch im selben Studio. Darum sind wir nach Nashville, wo wir unseren Horizont erweitern konnten. Es ist ein Ort, wo die Studiokultur noch hochgehalten wird. Man nimmt die Instrumente nicht einzeln auf, wie es heute üblich ist, sondern spielt tatsächlich zusammen in einem Raum. Das hat gepasst, weil wir wussten. Das Wichtigste sind wir.

Die neuen Songs klingen nun irgendwie entschlackter, aber mit den hymnischen Balladen und den melodischen Uptempo-Rocksongs immer noch nach Silbermond. Was ist eigentlich der Silbermond-Sound?

Kloß: Der klingt immer so, wie wir uns gerade fühlen. Beim letzten Album haben wir uns in technische Kleinigkeiten verliebt. Wir haben vom Haus erst das Dach gebaut und dann geguckt, ob das Haus unbedingt den schönen Garten braucht. Und nun haben wir mit dem Fundament angefangen und uns dann erst mit den Kleinigkeiten beschäftigt.

Gleich mehrere Songs wie „Lass mal“ drehen sich um Entschleunigung. Woher kommt die neue Gelassenheit? 

Kloß: Das war das Ergebnis unserer Auseinandersetzung mit uns selbst. Wenn du den ganzen Tag alles zur Priorität machst, dann bist du am Ende verkrampft. Du denkst, die Welt ginge unter, wenn du nicht alles erledigst. Darum ist die neue Platte für uns eine neu gewonnene Freiheit.

„B96“ handelt von Ihrer Heimat. Hier sei „alles beim Alten“ heißt es dort. Mit welchen Gefühlen kehren Sie nach Hause zurück, wenn Sie ihre Familie und alte Freunde besuchen? 

Kloß: Mit einem ambivalenten Gefühl. Einerseits freut man sich auf die Sachen, die immer so sind, wie sie sind - das Rapsfeld, die Gerüche und das Hoftor. Dann gibt es aber auch Sachen von früher, an die man sich plötzlich wieder erinnert und die nicht so schön sind.

Sie sind früh nach Berlin gezogen. Hätten Sie auch in Bautzen glücklich werden können? 

Kloß: Bestimmt. Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir nie weggegangen weggegangen. Ich war noch nie jemand, der groß von A nach B gefahren ist. Aber dann haben wir uns als Band gesagt: Lass uns doch mal gehen - egal wohin. Zufällig ist es Berlin geworden, wo ich mich längst zu Hause fühle. Heimatgefühle für Bautzen habe ich natürlich trotzdem weiterhin.

Von Bautzen ist es nicht weit nach Dresden. Wie sehr besorgt sind Sie über die Pegida-Bewegung, die dort die meisten Anhänger hat? 

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Kloß: Mich besorgt nicht nur die Pegida-Bewegung, sondern alles dort draußen in der Welt. Dass Pegida gerade rund um Dresden so stark ist, ist auch in unserer Familie ein Thema. Das beschäftigt jeden. Ich versuche zu verstehen, woher die Angst der Leute herkommt. Aber den Hass, der dort gesät wird, kann ich nicht tolerieren. Für mich ist es keine Antwort, ein Flüchtlingsheim anzuzünden oder mit rassistischen Parolen über die Straße zu laufen. Das macht mich wütend.

Führen Sie solche Debatten auch im Bekanntenkreis, wenn Sie Freunde von früher wiedertreffen? 

Kloß: Meine beste Freundin kommt auch aus Bautzen und lebt ebenfalls in Berlin. Und meine Schwester arbeitet in Sachsen bei der Polizei. Vor allem aber sind es die Eltern, die an dem Thema sehr nah dran sind. Und ehrlich gesagt, versuche ich es zu vermeiden, über extreme politische Sachen zu reden. Manchmal sind Meinungen halt einfach verschieden. Das muss man akzeptieren.

Um Politik geht es auf „leichtes Gepäck“ nicht. Wie politisch sind Silbermond? 

Kloß: Als private Menschen haben wir eine politische Meinung, die wir nicht immer nach außen tragen müssen. Wichtig ist, dass die Fans wissen, wofür wir stehen. Manchmal ist der richtige Moment da, ein kritisches Gefühl angesichts gewisser politischer Entwicklungen aufzuschreiben. Dieses Mal haben wir jedoch eher die menschliche Komponente beleuchtet. Darum geht es in „Allzu menschlich“ darum, dass man bei sich selbst im Kleinen anfangen soll. Es geht um Menschlichkeit und nicht Hass.

Es gibt kaum eine andere Band, die so viele Platten verkauft wie Silbermond. Gleichzeitig werden Sie von Kritikern verschmäht und vom Feuilleton ignoriert. Wie sehr stört Sie das? 

Kloß: Unsere Musik machen wir ja nicht in erster Linie für Kritiker. Was bringt uns das, wenn jemand schreibt, Silbermond sind doof oder gut? Es ist viel wichtiger, was ein Fan sagt, denn der nimmt unsere Songs mit in sein Leben.

"Leichtes Gepäck" ist bei Sony Music erschienen.

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