Interview mit Funny van Dannen: „Taufrisch sind die nicht“

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Die Moderatorin Charlotte Roche hält Funny van Dannen für „Deutschlands besten Songwriter“. Trotzdem kennen ihn die meisten nicht - obwohl der Berliner Hits für die Toten Hosen geschrieben hat.

Mit seinem neuen Album „Fischsuppe“ gastiert der Humorist am 12. April im Kasseler Musiktheater. Wir sprachen mit dem 54-Jährigen.

Herr van Dannen, haben Sie eine Versicherung bei Ergo? 

Funny van Dannen: Nein. Zumindest glaube ich das. Man weiß ja nicht, wie die sich intern zusammenkaufen. Nach einem Autounfall habe ich mal eine Stunde lang rumtelefoniert - auch wegen meines Unfallgegners. Nachher war alles eine Versicherung und gehörte zur Zürcher oder wer weiß was. Vielleicht bin ich also doch bei der Ergo.

In einem Song feiern Sie die Ergo-Mitarbeiter als Hüter der Moral und mobile Eingreiftruppe. Hat sich das Unternehmen bei Ihnen gemeldet?

van Dannen: Nee, komisch nicht? Wenn das nicht groß im Fernsehen läuft, kriegen die das wahrscheinlich gar nicht mit. Die Idee zu dem Lied hatte ich, als ich einen Werbespot von Ergo sah. Der hatte ungefähr das Motto: „Wir Ergo-Leute sind toll, toll, toll.“ Da dachte ich: So ganz taufrisch kommen die aber auch nicht rüber.

Den Ergo-Song und die anderen neuen Lieder haben Sie an zwei Abenden im Düsseldorfer Zakk aufgenommen. Was ist an einem Live-Album besser als an einer Studio-Aufnahme?

van Dannen: Es ist spannender, live aufzunehmen, weil man nie weiß, wie es wird. Dagegen ist das Studio ohne Risiko. Ich finde die Lebendigkeit bei Live-Aufnahmen toll. Es ist ein einmaliger Vorgang, der festgehalten wird. So wie jetzt wird es nie wieder sein. Es ist auch immer ein tolles Gefühl, die neuen Lieder zum ersten Mal vor Publikum zu spielen. Bei mir lachen die Leute oft - und manchmal an Stellen, an denen man es nicht erwartet.

Sie haben über 200 Lieder geschrieben und können keines davon auswendig.

van Dannen: Das stimmt. Ich habe immer einen Notenständer mit Blättern vor mir. Das ist ein bisschen umständlich, aber ich brauche die Sicherheit. Sonst hätte ich die Angst immer im Hinterkopf. Ich versinge mich auch oft, wenn ich abgelenkt werde. Aber das war schon immer so. Das hat nichts mit Alzheimer zu tun.

Nicht in allen Liedern steckt Gesellschaftskritik. Worum geht es in „Fang den Pudding“?

van Dannen: Ich finde, auch das spiegelt die Realität unserer Gesellschaft gut wider. Das Lied handelt davon, dass einzelne Gruppen immer nur auf sich schauen. Und es relativiert den heutigen Problemfetischismus. Jeder Unfall ist eine Katastrophe, und jedes Problem wird zur Krise. Wenn zum Beispiel ein Fußball-Club zweimal nicht gewinnt, steckt er tief in einer Krise. Ich singe davon, dass wir ein richtiges Problem hätten, wenn es zwei Sonnen gäbe und die Sonne schwanger würde. Die meisten anderen Probleme sind zu lösen, aber man müsste Einigkeit erzielen.

Wieso machen wir uns diese Probleme?

van Dannen: Das hat sicher mit unserem Wohlstand zu tun - und auch mit den Medien, die die Nachrichtenware produzieren. Stellen Sie sich den „Tagesschau“-Sprecher vor, der sagt: „Guten Abend, heute gibt es nichts zu berichten, auf Wiedersehen.“ Es muss immer ein Thema da sein und damit immer auch ein Problem, mit dem die Medien ein Geschäft machen.

Ihre Plattenfirma preist Sie als „letzten echten Romantiker unter den deutschsprachigen Liedermachern“. Sehen Sie sich auch als politischen Liedermacher?

van Dannen: Ich glaube schon. Aber ich bin da eher hintergründig. Ich will nicht großmäulig sein. Heute ist es ja Mode, sich als Fachmann auszugeben. Aber wer hat schon wirklich Ahnung von Wirtschaft und Börse? Und trotzdem wissen ganz viele Leute, was zu tun ist. Man sollte sich schon ein Bild machen, aber man sollte sich nicht einreden, schlauer zu sein als andere.

Funny van Dannen: Fischsuppe (JKP/Warner), Konzert: 12. April, 20 Uhr, im Kasseler Musiktheater, Angersbachstraße 10. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person Funny van Dannen

Geboren: am 10. März 1958 in Tüddern (Niederlande, heute Nordrhein-Westfalen) als Franz-Josef Hagmanns Ausbildung: Grafikdesigner Beruf: Musiker, Maler und Schriftsteller (sein Kurzgeschichtenband „Zurück im Paradies“ stand 2007 wochenlang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste) Größter Hit: „Bayern“ (für die Toten Hosen) Privates: Vater von vier Kindern, lebt mit seiner Familie in Berlin.

Von Matthias Lohr

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