Regisseur Andreas Kleinert über sein Leben und den Film „Nacht ohne Morgen“ – ARD, 20.15 Uhr

Interview: „Götz gleitet nie in Routine ab“

Götz George

Im Film „Nacht ohne Morgen“ rollt der schwer kranke Jasper Dänert (Götz George) einen alten Mordfall neu auf (ARD, 20.15 Uhr). Wir sprachen mit Regisseur Andreas Kleinert („Freischwimmer“) darüber, worum es in seinem Film wirklich geht, über die Arbeit mit Schauspieler Götz George und über sein Leben als Regisseur.

Jasper Dänert ermittelt in einem Mordfall. Und dennoch ist „Nacht ohne Morgen“ nicht wirklich ein Krimi.

Andreas Kleinert: Das stimmt. Bei meinen Filmen ist das mit den Genrebezeichnungen immer etwas schwierig, weil ich versuche, verschiedene Sachen zu mixen. „Nacht ohne Morgen“ ließe sich wohl am ehesten als psychologisches Drama einordnen. Zentral ist aber nicht der zurückliegende Fall.

Was dann?

Kleinert: Der Film ist vor allem ein Porträt von drei Menschen. Dem Ex-Staatsanwalt Jasper Dänert, seiner Frau Katharina (Barbara Sukowa) und der Polizistin Larissa Brandow (Fritzi Haberlandt), die Jasper bei seinen Ermittlungen hilft. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, alle Personen sind auf der Suche nach sich selbst. Spannend ist auch, dass der Film mit dem damals ermordeten Jimmy außerdem eine Figur nach und nach entwickelt, über die man am Anfang eigentlich nichts weiß.

Hat der Film eine Botschaft?

Kleinert: Ja. Er soll sagen: Steh zu deinem Leben, versuche nicht, einem gesellschaftlichen Modell zu entsprechen. Der Film ist ein Plädoyer für Toleranz, mit der Stricherszene sprechen wir zum Beispiel auch Tabuthemen an.

Der Film nimmt am Schluss eine überraschende Wendung.

Kleinert: Ja, haben Sie damit gerechnet?

Überhaupt nicht.

Kleinert: Das ist gut, das beruhigt mich. Filme sehe ich nämlich wie eine Art Gruselbahn, wo man sich in den Wagen setzt und immer wieder überrascht wird. Es darf keine Routine aufkommen. Nichts ist schlimmer als ein Film, wo man nach zehn Minuten weiß, wie er ausgeht.

Wie ist eigentlich der Filmtitel entstanden?

Kleinert: Das ist eine gute Frage. Sagen Sie ganz ehrlich, mögen Sie ihn?

Er hat sich mir erst nach dem Film erschlossen.

Kleinert: Wir waren uns lange nicht sicher und haben uns dann für den Titel von Autor Karl-Heinz Käfer entschieden. Einen geeigneten zu finden, ist aber immer schwer. Dieser Film zum Beispiel hieß noch bis vor Kurzem „Blinder Spiegel“. Zum Glück wird aber kein Titel genommen, wo der Regisseur sagt: „Ertrage ich nicht!“ Es gibt in meiner Filmographie geniale Titel, welche, die okay sind, und ein paar Ausrutscher – dazu würde ich „Nacht ohne Morgen“ jetzt nicht zählen.

Die Figurenkonstellationen sind nicht einfach zu verstehen. Ist der Film für ein anspruchsvolles Publikum gemacht?

Kleinert: Das würde ich so nicht sagen. Aber er ist gemacht für Menschen, die neugierig und mit offenem Blick durch die Welt gehen. Das gilt eigentlich für alle meine Filme. Natürlich muss man bei dem Film aber schon voll bei der Sache sein, um alles mitzubekommen.

Götz George hat gesagt, er habe sich abgewöhnt, auf die Reaktionen der Zuschauer zu setzen. Wie wichtig sind die für Ihre Arbeit?

Kleinert: Man darf sich nicht zum Sklaven des Zuschauers machen. Man kennt ja den Zuschauer sowieso nicht. Am respektvollsten geht man mit Zuschauern um, wenn man sie ernst nimmt. Als Filmemacher muss man sich grundsätzlich aber der Wirkung auf den Betrachter bewusst sein und die damit verbundene Verantwortung bei der Bearbeitung von Themen wahrnehmen.

Hatten Sie die Besetzung für den Film schnell im Kopf?

Kleinert: Als Regisseur muss man immer ein bisschen Psychologe sein. Man kann sich zwar vertun, aber in diesem Fall war ich mir sehr sicher, dass die drei Hauptfiguren zusammen passen. Barbara Sukowa ist ein Freigeist, das musste gut gehen. Und Fritzi Haberlandt ist eine große Charakterdarstellerin. Sie spielt im Film übrigens jemand ganz anderen als in Wirklichkeit. Da ist sie nämlich eine Frohnatur. Und wer sie nicht mag, muss ein Herz aus Stein haben.

Und an Götz George führte kein Weg vorbei?

Kleinert: Es ist für jeden Regisseur ein Genuss, mit ihm zu arbeiten. Mit Götz verbindet mich nach fünf gemeinsamen Filmen eine Arbeitsfreundschaft mit viel Nähe und Vertrauen. Er gehört zu den wenigen Schauspielern Deutschlands, die in anderen Ländern Weltstars wären. Er hat eine Aura und etwas Schillerndes, das wenige haben. Trotz seiner vielen Filme gleitet er nie in Routine ab.

Mit unserer Zeitung wollte George nicht sprechen. Ist er medienmüde geworden?

Kleinert: Er ist ein warmherziger Mensch, aber er ist medienscheu, seit er vor vielen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht hat. Es wurde in seinem Privatleben herumgefuhrwerkt, das hat ihm sehr wehgetan. Außerdem ist er kein Diplomat, er ist direkt, geradeaus, nicht leicht für Medien. Er steht so in der Öffentlichkeit, dass er in kein Restaurant normal gehen kann. Ich glaube, er will mit seinen Kräften haushalten und sich lieber auf seine Familie und seine Filme konzentrieren.

Profitieren Sie eigentlich von seinem Bekanntheitsgrad?

Kleinert: Ich besetze meine Rollen grundsätzlich nicht nach Publikumswirksamkeit, ich habe Götz gewählt, weil er ein toller Schauspieler ist. Es gibt viele andere prominente Schauspieler, mit denen ich nicht zusammen arbeiten würde, weil ich von deren Arbeit nicht überzeugt bin.

Und wie ist das bei Ihnen, können Sie unerkannt essen gehen?

Kleinert: Natürlich. Uns Regisseure kennt ja kein Schwein. Die wenigsten gucken sich einen Film an, weil sie sehen wollen, wie der inszeniert wurde. Im Mittelpunkt stehen die Schauspieler und das ist ja auch gut so. Ich will lieber mein normales Leben leben. Ich hab zwar keine Angst vor der Presse und gebe auch gern Interviews, aber auf Prominenz war ich noch nie scharf.

Sie arbeiten auch als Autor und unterrichten Studenten. Ein schöner Ausgleich?

Kleinert: Ja. Der Regieberuf ist sehr egoistisch, da muss ich meinen Film durchkriegen. Als Professor hingegen gebe ich sehr viel und die Studenten halten mich jünger. Ich fürchte mich vor Alltag. Bei mir ist das Chaos Lebensprinzip. Es muss immer was passieren.

Zur Person

Andreas Kleinert

Andreas Kleinert wurde 1962 in Ostberlin geboren. 1989 schloss er sein Regiestudium in Potsdam ab. Seit 1990 dreht er Filme für Fernsehen („Mein Vater“) und Kino („Freischwimmer“). Seit 2006 unterrichtet Kleinert in Babelsberg Spielfilmregie, außerdem ist er als Autor tätig. Er ist u. a. fünffacher Adolf-Grimme-Preisträger. Kleinert, der sein Privatleben als kompliziert beschreibt, lebt mit seiner 16-jährigen Tochter in Berlin.

Zum Filminhalt

Jasper Dänert (Götz George) hatte es als Staatsanwalt in Potsdam 1992 mit einem Mordfall zu tun, der ungeklärt blieb. Damals wurde ein 16-jähriger Junge überfahren und in einem Waldstück abgelegt. „Jimmy“ ging in Berlin auf den Strich. Mehr ließ sich damals nicht ermitteln. Nun kehrt Dänert 20 Jahre später, schwer krank, an den Ort des Verbrechens zurück, um den Fall zu klären. Die junge Polizistin Larissa Brandow (Fritzi Haberlandt) hilft ihm dabei. Als kleines Mädchen hatte sie den Toten entdeckt. Parallel erzählt der Film (Buch: Karl-Heinz Käfer) aus dem Privatleben Dänerts, der seit langer Zeit mit der Scheidungsanwältin Katharina (Barbara Sukowa) verheiratet ist. Um die Ehe steht es nicht zum Besten, beide sind sich eher fremd. (tx/juh)

Von Julia Hohagen

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