Interview: Judith Holofernes von der Band Wir sind Helden über Kinder, Schulen und den Bart ihres Mannes

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Wir sind Helden

Über das aktuelle Album ihrer Band Wir sind Helden hat Sängerin Judith Holofernes gesagt, es sei ein bisschen weniger „Haha“ und dafür ein wenig mehr „Hmmm“. Wir sprachen mit der 34-Jährigen vor ihrem Auftritt am 13. März in der Kasseler Stadthalle. Holofernes’ Antworten sind so witzig und klug, dass man manchmal „Hmmm“ und manchmal „Haha“ machen muss.

Im neuen Lied „Lonely Planet Germany“ singen Sie über die zwei Seiten von Berlin, das nicht nur aus dem Kreuzberger Multikulti besteht, sondern auch aus No-Go-Areas im Osten: Sind Sie da auch manchmal unterwegs?

Judith Holofernes: So wenig, wie es geht. Es ist ja nicht der ganze Osten so. Der Großteil des Berliner Umlands ist total schön. Da habe ich keine Angst, mit meinem talibanartigen Mann auf einer Wiese zu zelten. Es gibt jedoch auch Orte, da hofft man, dass das Auto nicht stehen bleibt. Man muss nur in der U-Bahn eine Station zu spät aussteigen. Einige Freunde von uns haben da unangenehme Erlebnisse gemacht.

Trotzdem fühlen Sie sich wohl in Berlin?

Holofernes: Ich liebe Berlin über alles. Das Schöne ist, dass ich mich im multikulturellen Kreuzberg zu Hause fühle, und es sich dennoch wie Urlaub anfühlt, was auch an den vielen Touristen hier liegt. Aber am Ostkreuz sollte man lieber nicht umsteigen. Diesen Kontrast finde ich schockierend.

Trotzdem überlegen Sie, wegen des hohen Ausländeranteils aus Kreuzberg wegzuziehen, wenn Ihre Kinder ins schulpflichtige Alter kommen.

Holofernes: Ich möchte das auf keinen Fall. Wir haben mittlerweile zwei Schulen im Auge, die sehr nett und gut durchmischt sind.

Das ist schon blöd: Für Multikulti sein und dann wegen Multikulti wegziehen.

Holofernes: Das stimmt eben nicht. Erst weil die Deutschen wegziehen, bilden viele Kreuzberger Grundschulen nicht mehr die Gesellschaft ab, die eigentlich ein gutes Mischungsverhältnis hat. Es gibt Schulen mit einem Ausländeranteil von 94 Prozent. Ich will, dass meine Kinder mit muslimischen Schülern in eine Klasse gehen, mit Mädchen und Jungen aus Asien und dem Rest der Welt. Aber ich will auch, dass an der Schule Deutsch gesprochen wird. Die Situation ist für Kinder mit Migrationshintergrund ja ebenfalls schwierig. Deshalb ziehen Türken, die es sich leisten können, nach Zehlendorf.

Weil ihre Kinder dort deutsche Klassenkameraden haben.

Holofernes: Genau. Über diese Probleme konnte man hier prima reden, bevor Thilo Sarrazin sein Geseiere in die Welt geschickt hat. Nun ist die Diskussion vergiftet. Dabei sieht jeder Türkenvater das wie wir.

Manche halten Sie für eine Vorzeige-Mutter. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?

Holofernes: Nein, überhaupt nicht. Und das ist auch der Grund, warum ich so offen über Kinder rede. Die oberste Prämisse für alles, was ich tue, ist meine Familie. Aber ich will zeigen, dass ich eben nicht die Supermutter bin, die alles mit links stemmt. Seitdem die Kinder da sind, laviere ich ständig am Rand des Burn-outs herum. Trotzdem höre ich in Interviews immer: „Respekt, wie Sie alles unter einen Hut kriegen.“

Sind Sie immer noch am Rand des Nervenzusammenbruchs?

Holofernes: Mittlerweile geht es mir besser, weil ich meine Schlüsse gezogen habe. Früher hätten wir jetzt schon an der nächsten Platte gearbeitet. Nun lassen wir uns mehr Zeit.

Man könnte meinen, das Elternsein sei so anstrengend, dass Ihr Mann nicht mal mehr zum Rasieren kommt. Sagen Sie ihm nicht manchmal: Jetzt mach doch mal den Bart ab.

Holofernes: Ich bin die Einzige in unserem Bekanntenkreis, die den Bart gut findet. Zuletzt war er nur so lang, dass er noch als Fashion-Statement gelten konnte. Jetzt ist er ein Sozialexperiment. Die Leute begegnen Pola nun anders: Sie halten ihn entweder für einen Taliban oder einen Obdachlosen. Lustig wird es, wenn wir zusammen auf der Straße sind. Dann heißt es: „Aber die Frau sieht eigentlich ganz harmlos aus.“

Zur Person

Judith Holofernes

Geboren: am 12. November 1976 in Berlin als Judith Holfelder

Ausbildung: Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation (abgebrochen)

Beruf: Sängerin und Gitarristin bei Wir sind Helden

Größte Hits: „Guten Tag“, „Müssen nur wollen“

Privates: Lebt mit ihrem Mann, dem Wir-sind-Helden-Schlagzeuger Pola Roy, und zwei Kindern (4 und 1) in Kreuzberg

Wir Sind Helden: 13. März, Stadthalle Kassel. Tickets: HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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