Interview mit Juli: „Konzentriert zu Ende denken“

Interview mit Juli: „Konzentriert zu Ende denken“

Kassel. Julis jubilierender Gitarrenpop („Perfekte Welle“, „Geile Zeit“) verkaufte sich millionenfach. Mit dem am Freitag erscheinenden Album „In Love“ lebt das Quintett um Eva Briegel erstmals auch eine andere Seite aus.

Wir sprachen mit Sängerin Eva Briegel (31) und Gitarrist Simon Triebel (28).

Juli melden sich nach vierjähriger Pause mit „In Love“ zurück: Bei etlichen Songs wurde der bekannte Juli-Gitarrenpop elektronisch unterfüttert. Hatten Sie keine Angst, alte Fans zu überfordern?

Simon Triebel: Wir sind in einer komfortablen Situation, denn wir können davon ausgehen, dass sich viele Leute unser neues Album anhören werden. Ob sie es gut finden, steht auf einem anderen Blatt. Popularität kann man für sich nutzen und mutig sein. Für eine Nachwuchsband ist es viel schwerer, einen verschrobenen Song rauszubringen.

Die Platte beginnt mit dem melancholischen Trennungssong „Immer wenn es dunkel wird“. Eigene Erfahrungen?

Triebel: In dem Song geht es um das Ende einer Beziehung. Auf der zweiten Ebene beschreibt er den Zustand, zur Ruhe zu kommen und sich von nichts ablenken zu lassen. In dem Moment fängt man an, über Dinge nachzudenken, die man mal gehasst hat.

In „Jessica“ beschreiben Sie die Schattenseiten des Musikgeschäfts. Haben Sie die auch kennengelernt?

Eva Briegel: Klar. Inzwischen sind wir aber sehr autark. Anfangs lernt man natürlich auch Produzenten kennen, die sagen: „Komm mal her Schätzchen. Setz dich mal auf meinen Schoß! Ich weiß schon, wie es geht. Du musst nur die Hose ein bisschen tiefer hängen.“ Rückblickend kann ich über die Ratschläge solcher Leute nur den Kopf schütteln. Die waren tatsächlich der Meinung, Kunst brauche kein Mensch.

Und wer gab Ihnen die guten Ratschläge?

Andreas Herde: Das haben wir uns selbst beigebracht. Letztlich kann niemand genau sagen, worauf es in diesem Geschäft wirklich ankommt. Wir haben gemacht, was wir für richtig hielten.

Viele Songs haben ausgefeilte Schlüsse. Warum legen Sie darauf mittlerweile gesteigerten Wert?

Briegel: Ich habe mir mal einen Live-Auftritt von uns auf Video angeschaut. Dabei fiel mir auf, dass ich bereits vor Schluss eines Liedes vom Mikro weg bin. Deshalb habe ich vorgeschlagen, unsere Gedanken konzentriert zu Ende zu denken. Ein Schluss ist ganz wichtig, es ist der Punkt, auf den das ganze Lied zuläuft.

Eine Zeile heißt „Wie Maschinen/Wir müssen pausenlos funktionieren“. Ist das auf die Band gemünzt oder auf die Gesellschaft im Allgemeinen?

Briegel: Es geht hier um das Gefühl des Eingespanntseins. Jeder kennt es. Ich fand es immer erschreckend, dass manche Leute gar nicht darüber nachdenken, was sie mit ihrem Leben machen. Man kriegt zum Beispiel eine Empfehlung fürs Gymnasium. Später studiert man Jura. Das macht man halt. Man strampelt, ohne zu gucken, wo man eigentlich hin marschiert.

Das klingt wie der Blick aus dem Elfenbeinturm.

Briegel: Vielleicht haben wir leicht reden, weil wir den Beruf ausüben dürfen, den wir uns ausgesucht haben. Aber es gehört auch Mut dazu, unseren Weg zu wählen und Musik zu machen. Wir wollen eben kein Angestelltenverhältnis und verzichten auf soziale Absicherung. Sicherheit ist immer verlockend, aber ich glaube nicht an die Kombination von Sicherheit und Freiheit.

Hintergrund - die Band Juli

Jonas Pfetzing (29, Gitarre), Marcel Römer (28, Schlagzeug), Eva Briegel (31, Gesang), Andreas Herde (28, Bass) und Simon Triebel (28, Gitarre) gründeten 1999 in Gießen die Band Sunnyglade und gewannen mit englischsprachigen Songs im Jahr 2000 den Hessischen Rockpreis.

Zwei Jahre später benannten sie sich in Juli um und sangen auf Deutsch. Mit dem Song „Perfekte Welle“ schaffte das Quintett vor sechs Jahren den Durchbruch.

Sängerin Briegel ist mit dem Mia-Gitarristen Andy Penn zusammen und brachte im Februar Tochter Yoko zur Welt - die Eltern sind Beatles-Fans. (mal)

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