Interview: Komponist Ogiermann über Lenas Song „Taken By A Stranger“

Allein in der Künstlichkeit: Lena mit der Bühneninszenierung ihres Liedes. Foto:  dapd

Stefan Raab hat ihn „unkonventionell, mutig, charakteristisch und kontemporär“ genannt: Der Elektropopsong „Taken By A Stranger“ ist die deutsche Grand-Prix-Hoffnung, mit ihm will Lena Meyer-Landrut am Samstag in Düsseldorf antreten. Die Experten der Unterhaltungsindustrie sind begeistert.

Was aber sagen zeitgenössische Komponisten zu dem „kontemporären“ Opus magnum? Christoph Ogiermann ist Mitglied im Bremer „Atelier Neue Musik“ und spezialisiert auf elektronische Komposition.

Herr Ogiermann, was hören Komponistenohren, wenn Lena Meyer-Landrut „Taken By A Stranger“ singt?

Ogiermann: Zunächst den akustischen Raum. Oder besser gesagt: dessen Fehlen.

Akustischer Raum?

Ogiermann: Wenn Sie in die Hände klatschen, werden Sie einen Nachhall vernehmen: Das ist der akustische Raum meiner Wohnung. Bei „Taken By A Stranger“ hören Sie nichts, es lässt sich nicht abschätzen, wie groß der Raum ist, in dem hier gesungen wird. Die Instrumentierung verstärkt diesen Eindruck.

Inwiefern?

Ogiermann: Das Schlagzeug wurde entweder stark gefiltert oder nachträglich in die Aufnahme hineingeschnitten. Es ist kein authentischer Klang. Das ganze Lied findet in einem Nichtraum statt.

Was hat das zur Folge?

Ogiermann: Ein Gefühl der Enge und der Künstlichkeit. Das ist auch ein durchaus legitimes Stilmittel.

Nur: Was wird damit bezweckt?

Ogiermann: Dazu müssen wir uns erst einmal die Struktur des Songs anschauen: drei Strophen, eine kurze Einleitung, ein kurzer Schluss. Sehr traditionell. Interessant ist das eingefügte Gesangssolo. Und zwar deshalb, weil die Sängerin damit objektiv betrachtet überfordert ist: stimmlich zu limitiert, im Ausdruck zu verkrampft. Eigentlich wären da Effekte zu erwarten, die diese Unzulänglichkeiten vertuschen. Stattdessen kommt es zu einer völligen Reduktion der ohnehin schon sehr sparsamen Instrumentalmusik. Übrig bleibt nur Lena.

Ganz schön mutig.

Ogiermann: Insbesondere, weil Lena beim Finale live singen soll. Die Absicht liegt auf der Hand: Hier singt ein einsames Mädchen, das ist verletzlich. Alles um sie herum ist steril, eine kalte Welt. Und das ist der Witz dieses Songs: dass er in einem betont keimfreien Raum eine verletzliche Stimme ausstellt. Lenas Schwäche wird damit zu ihrer Stärke.

Können Sie als Experte für elektronische Musik diesem Song eine Erkenntnis abgewinnen?

Ogiermann: Kunsträume haben mich schon immer fasziniert. Räume, die jegliche Erinnerung an das Natürliche ausradieren. Zwar gibt es in ihnen immer Bezugnahmen auf die klassische Instrumentalmusik. Jeder, der schon mal ein echtes Vibrafon gehört hat, erkennt, dass es sich hier bloß um den Vibrafon-Sound eines Keyboards handelt.

Was fasziniert Sie daran?

Ogiermann: In diesen Räumen zeigen sich Wunsch und Angst unserer Zeit. Der keimfreie Raum als Hort der Hygiene und körperlichen Unversehrtheit. Menschen haben Angst vor Keimen, vor Bakterien, vor Ansteckung. Sicher sind sie nur dort, wo alles künstlich ist und klinisch rein: in Räumen wie dem Song von Lena Meyer-Landrut.

Dass Lena alleine in diesem Raum steht: Zeugt das auch von dieser Ansteckungsangst?

Ogiermann: Durchaus. Eine Band würde die Wirkungsabsicht des Songs untergraben. Allerdings gibt es in dieser Inszenierung einen anderen Widerspruch: einen, der gewollt ist. Denn ausgerechnet in diesem Kunstraum, in dieser synthetischen Zone singt Lena vom „Fremden“, der sie „nimmt“. Da kommt unsere ganze ambivalente Haltung zur Sexualität zur Sprache: die Swingerclubs auf der einen Seite, die Aids-Angst auf der anderen. Einerseits würde ich gerne mal von einem Fremden „genommen“ werden – andererseits habe ich Angst davor.

Wie fällt Ihr Urteil aus?

Ogiermann: Ich halte es da mit Walter Benjamin: Es sagt viel aus über die Zeit, in der ich lebe.

Von Johannes Bruggaier

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