Interview zu Hörspielen: „Lebendig, wie zu Boom-Zeiten"

Ab Mittwoch treffen sich Hörspielmacher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe. Ein Gespräch mit Wissenschaftler Frank Schätzlein über die Bedeutung des Hörspiels.

Herr Schätzlein, was zeichnet ein gutes Hörspiel aus? 

Frank Schätzlein: Ein gutes Hörspiel arbeitet mit akustischen Materialien so, dass es einen künstlerischen Mehrwert hat gegenüber dem Lesen, dem Theater und dem Film. Das Material, also Wort, Geräusch, Atmosphäre, Musik und Stille, muss in der dramaturgischen Gestaltung etwas Spezifisches erschaffen, das allein durch das Hören entsteht.

Was versteht man denn eigentlich unter einem Hörspiel? 

Schätzlein: Mehrere Definitionen existieren nebeneinander. Das Spektrum reicht vom klassischen, literarischen Hörspiel über dokumentarische Mischformen bis hin zur abstrakten Klangkunst. Das Hörspiel entwickelt sich stets weiter und wird dabei beeinflusst von der Musik, dem Theater, der Literatur und der Medienkunst - eine einzige Definition ist nicht möglich.

Was ist der Unterschied zwischen einem Hörspiel und einem Hörbuch? 

Schätzlein: Beim Hörspiel geht es um die radiophone Inszenierung. Es wird nicht nur ein Text vorgetragen, sondern mit Mitteln der Tontechnik, des akustischen Instrumentariums gearbeitet. Also mit Sprache genauso wie mit Lauten, Geräuschen, Musik und Stille, mit Raumakustik und Effekten.

Seine Hochzeit hatte das Hörspiel, als es noch kein Fernsehen gab. Wie steht es denn aktuell damit? 

Schätzlein: Das Hörspiel ist so lebendig wie zu Zeiten des Hörspiel-Booms: Es gibt die traditionellen Produktionsorte, die Studios der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, es gibt aber auch eine große, freie Hörspielszene hierzulande. Die Vielfalt reicht von populären Kriminalhörspielen bis hin zur Hochkultur und speziellen Formen der Klang- und Radiokunst. Diese Vielfalt gibt es in anderen Ländern nicht.

Es ist also noch zeitgemäß? 

Schätzlein: Absolut. Es ist eine Kunstform neben anderen. Das ändert sich auch nicht durch Film, Fernsehen und multimediale Spielformen, die bestimmte Funktionen übernommen haben.

Wer in der Nachkriegszeit ein Radio hatte, bei dem trafen sich die Nachbarn zum Hörspielhören. Und heute? 

Schätzlein: Es gibt viele Konstellationen, in denen Hörspiel gehört wird. Vor dem Radio, im Auto, als Podcast vom Smartphone, bei Live-Veranstaltungen im kleinen und großen Kreis. Bundesweit stellen Hörspielfestivals diese Form in den Vordergrund.

Geht es da nur um Unterhaltung oder auch um mehr? 

Schätzlein: So unterschiedlich wie die Ausprägungen, sind auch die Funktionen des Hörspiels. Es geht nicht nur um kurzweilige Unterhaltung, sondern auch um die radiophone Umsetzung von literarischen Texten oder Theaterstücken, um Gesellschaftskritik im Originalton oder um das Ausloten der Grenzbereiche zu anderen Kunstformen, die Weiterentwicklung der Hörspiel-Dramaturgie.

Wie verändern neue Medien die Hörkunst? 

Schätzlein: Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten. Man kann das Publikum auf eine andere Weise erreichen, Produktionen online stellen - die guten Download-Zahlen sprechen dafür, dass dieses Angebot gern angenommen wird. Und man kann Stücke realisieren, die mit neuen technologischen Möglichkeiten arbeiten. Interaktive Hörspiele zum Beispiel, die nur über das Internet oder mobil mit dem Smartphone rezipiert werden können.

Zur Person

Frank Schätzlein (42) ist Medienwissenschaftler und Leiter der Informationstechnologie der Fachbereiche Sprache, Literatur, Medien der Uni Hamburg. Mit seiner Lebensgefährtin lebt er in Hamburg.

Hintergrund

Die Hörspieltage im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe von heute bis zum 15. November sind die größte deutschsprachige Veranstaltung rund ums Hörspiel. Erstmalig sind Schweiz (SRF) und Österreich (ORF) dabei. Zwölf Hörspiele konkurrieren um den Hörspielpreis. Sie werden dem Publikum vorgeführt und von einer Fachjury besprochen.

Hier geht's zum Programm und Livestream.

Rubriklistenbild: © picture-alliance / dpa

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