Ex-Tagesthemen-Moderator

Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert: „Ich habe nie gearbeitet“

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„Ich habe nie gearbeitet“: Ulrich Wickert. 

Journalist und Bestsellerautor Ulrich Wickert äußert sich im HNA-Interview zu Macron und Trump, zu müden Kanzlern und Fehlern in den Medien. 

Der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert kommt nächste Woche gleich mit zwei 2017 erschienenen Büchern zum Kultursommer Nordhessen.

1992 haben Sie den berühmten Fragebogen von Marcel Proust ausgefüllt. Ihr Motto hat dem einen Buch, das Sie beim Kultursommer Nordhessen vorstellen, den Titel gegeben: „Beim Machen nie die Lust aus den Augen verlieren“. Würden Sie heute manches anders beantworten?

Ulrich Wickert: Wissen Sie, das Lustige ist, ich habe mir diese Frage auch gestellt. Ich habe mir den Fragebogen daraufhin noch einmal durchgelesen und festgestellt: Nee, das würdest Du eigentlich wieder genauso sagen. Bei meiner Seelenlage hat sich überhaupt nichts geändert.

Verändert man sich zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr also sich nicht mehr grundlegend?

Wickert: Ich habe den Eindruck: Nein.

Als Ihren Hauptcharakterzug bezeichneten Sie damals „Der Motor läuft und läuft und läuft“ - wie der alte Käfer. Woher kommt der Antrieb?

Wickert: Er kommt aus der Lust am Machen. Ich habe Zeit meines Lebens nie gearbeitet, ich habe immer nur getan, was ich tun wollte. Gut, seien wir ehrlich, es gibt sicher das eine oder andere, was man gemacht hat, weil es gemacht sein sollte…

Konferenzen in der ARD sind wahrscheinlich nicht immer ein Vergnügen?

Wickert: Ich habe an sehr wenigen Konferenzen teilnehmen müssen, weil ich ja das große Glück hatte, lange Zeit als Korrespondent im Ausland zu sein. Natürlich, bei den Tagesthemen. Aber das sind richtige Arbeitskonferenzen, die gehen schnell. Was machen wir heute? Da können Sie nicht lange rumlabern. Das geht ruckzuck.

Angesichts all der aufregenden Ereignisse, die die Welt zurzeit bewegen, würden Sie da manchmal gern noch die „Tagesthemen“ moderieren? Oder sind Sie froh, dass dieser Stress hinter Ihnen liegt?

Wickert: Es war eine tägliche Lust, die Sendung zu machen, weil es ein täglicher kreativer Prozess war. Es war immer die Frage: Wie kriegen wir heute die beste Sendung zustande? Manchmal ging das nicht so aus, wie wir es wollten, aber dann hatten wir die Chance zu sagen: Morgen machen wir die beste Sendung. Wir konnten immer neu loslegen. Insofern hab ich das nie als Stress empfunden. Ja, es gab Zeiten, in denen es anstrengend war. Zum Beispiel beim Putsch gegen Gorbatschow oder der berühmte 11. September, als man eigentlich Tag und Nacht gesendet hat. Das war ein gewisser Stress. Aber grundsätzlich hat es immer Spaß gemacht.

Nun gibt es seither den Erfolg populistischer Bewegungen. Stichwort „Lügenpresse“: Wie kann der Journalismus dieser Herausforderung begegnen?

Wickert: Indem er qualitätvoll bleibt. Der Vorwurf „Lügenpresse“ hat sich ja totgelaufen. Selbst Herrn Trumps ständige Rufe „fake news“ ziehen nicht mehr. Das ist das Typische, wenn etwas überdreht wird. Wichtig ist, dass Journalisten Qualität abliefern, aber dass sie auch auf Kritik eingehen und den Lesern mehr als bisher erklären, wie gearbeitet wird. Wir haben das große Problem der Konkurrenz im Digitalen - Twitter, Facebook und so weiter, aber das ist ja weitgehend kein Journalismus. Da kann jeder was reinschreiben, vernünftige Sachen, aber auch die größten Idiotien. Es ist wichtig, dass Journalisten auch auf gefälschte Nachrichten eingehen, es gibt ja inzwischen auch Faktenfinder dafür.

Es heißt immer, man soll als Journalist nicht über jedes Stöckchen springen, das einem Provokateure hinhalten, aber man darf doch auch nicht jede Provokation ignorieren.

Wickert: Völlig richtig, das muss man abwägen. Da gibt es natürlich auch mal Fehler. Es wäre ja ein Wunder, wenn es im Journalismus keine Fehler gäbe. Aber die gab es immer.

Die Medien in den USA sind viel gespaltener als das in Deutschland der Fall ist, da sind die Sender ideologisch absolut sortiert. Wie lässt sich verhindern, dass hierzulande im Journalismus amerikanische Verhältnisse einziehen?

Wickert: Wir haben in Deutschland mit den besten Journalismus, den es auf der Welt gibt. Diese Aussage mag manchen erstaunen, aber das ist wirklich so. Wir haben durch die öffentlich-rechtlichen Systeme eine Informationsdichte von einer unglaublichen Qualität. Es gibt keine andere Sendung in der Welt, die so häufig und von so vielen gesehen wird wie die „Tagesschau“ um 20 Uhr. Im Schnitt von 10 Millionen. Selbst in Amerika hat keine Nachrichtensendung so viele Zuschauer. Das hat natürlich auch mit der Qualität zu tun. Dann haben wir in Deutschland nicht nur sehr gute überregionale Zeitungen, wir haben auch hervorragende Regional- und Lokalzeitungen in einer Dichte, wie es sie nirgendwo auf der Welt gibt.

Sie waren als Korrespondent in Washington und New York. Wenn Sie an die USA unter Trump denken, sind Sie eher betrübt oder besorgt?

Wickert: Ich bin schon besorgt, weil der Mann so unkalkulierbar ist. Da weiß man nie, ob er nicht wirklich mal verrückt durchdreht. Als er den G7-Gipfel vor dem Ende verließ und dann per Twitter mitteilte, er mache bei der Abschlusserklärung doch nicht mit, da habe ich mir gesagt: Dieser Mann gibt einen Grund zur Sorge.

Richard von Weizsäcker nennt im Gespräch mit Ihnen die Tage des Mauerfalls und der Wiedervereinigung „in höchstem Maße europäische Daten“, und er spricht nicht von der Osterweiterung der EU, sondern von der Vollendung Europas. Beunruhigt Sie, wie heute in vielen Staaten wieder allein nationale Interessen dominieren?

Wickert: Wir haben leider eine Bewegung hin zum Egoistischen. Das hat unter anderem mit der Angst vor den Flüchtlingen zu tun, keine Frage, und der unkoordinierten Weise, wie die einzelnen Staaten darauf reagieren. Das macht mir Sorge. Es ist wichtig, dass sich auch die überzeugten Demokraten melden. Es gibt ja so etwas wie „Pulse of Europe“, das ist gut, aber es ist nicht genug. Ich bin ein bisschen verzweifelt, dass diese Regierung unter Frau Merkel kaum reagiert auf die Europa-Modernisierungsvorschläge von Herrn Macron. Statt zu sagen: Jawoll, wir machen das jetzt zusammen, ist das ein zögerliches Rumgestochere. Leider ist die SPD da auch nicht sehr stark.

Teilen Sie die Euphorie über Macron?

Wickert: Ja, weil er ein Politiker ist, der endlich mal sagt, dass etwas gemacht werden muss, und er es auch wirklich macht. Er setzt um, was er im Wahlkampf angekündigt hat. Er modernisiert Frankreich. Man darf nicht alles erwarten, aber in einem Jahr hat er schon mehr erreicht als seine drei Vorgänger. Er lässt sich nicht beeindrucken durch Streiks. Er macht weiter.

Ist die deutsch-französische Freundschaft so stabil, dass beide Regierungen gemeinsam die auseinanderstrebenden EU-Staaten beisammen halten können?

Wickert: Das ist ein grundsätzliches Problem, das man nicht durch zwei Staaten lösen kann. Und es streben ja auch nicht alle Staaten auseinander. In Italien wandeln sich auch schon die Ansichten der verschiedenen eurokritischen Minister, die sich plötzlich nicht mehr erinnern, was sie alles gefordert haben. In dem Moment, in dem die Leute an der Macht sind, verändert sich deren Meinung. Aber natürlich gibt es viele Probleme. Vielleicht hat man Europa zu schnell erweitert. Diese Frage stelle ich mir. Vielleicht hätte man bei manchen Ländern warten sollen.

In Ihrem Buch ist auch ein Interview mit Hans-Dietrich Genscher abgedruckt. Auch er war ein Politiker, der noch vom Krieg geprägt war. Spielt das eine Rolle, dass jetzt eine Generation am Ruder ist, die keine eigenen unmittelbaren Kriegserfahrungen mehr hat - und ist das vielleicht sogar gefährlich?

Wickert: Ich halte das nicht für gefährlich. Schröder war der erste, der keine Kriegserfahrung hatte, und er hat ganz wichtige Entscheidungen getroffen. Aber wir haben keine Leute mehr, die so einen starken Charakter hatten, so eine politische Überzeugung, wie Kohl, Weizsäcker und Genscher. Ihr Impetus war tatsächlich: Das darf nie wieder vorkommen. Das hat aber wahrscheinlich auch damit zu tun, dass die Leute heute Berufspolitiker sind.

Schröder ist insofern noch vom Krieg geprägt, weil er seinen Vater dadurch verloren hat.

Wickert: Das hat ihn aber nie sehr berührt, er hat ihn nie kennengelernt.

Gerhard Schröder schlägt im Gespräch in Ihrem Buch vor - da regiert er ein Jahr -, die Amtszeit der Bundeskanzler auf zehn Jahre zu begrenzen. Wann ist es genug für Angela Merkel?

Wickert: Ich halte diese Idee der Begrenzung auf zwei Amtszeiten - also auch die Verlängerung der Wahlperioden des Bundestags auf fünf Jahre - für sehr klug. Man sieht ja immer wieder, dass die Kanzler müde werden, dass sie keine Kreativität mehr haben. Bei Angela Merkel ist es so, dass die meisten Leute in ihrer Umgebung auch schon die ganze Zeit dabei sind.

Vor acht Jahren nannten Sie Gerhard Schröder in einem Interview unserer Zeitung einen mutigen und wichtigen Politiker. Wie sehr entsetzt Sie seine Sympathie für Putin?

Wickert: Es entsetzt mich nicht, das ist für mich ein Detail.

Ihre Hochachtung vor seiner Zeit als Kanzler ist davon unberührt?

Wickert: Natürlich. Das wird benutzt und verkürzt. Ich denke: Ganz ruhig, keine Panik.

Als Ihre „gegenwärtige Geistesverfassung“ haben Sie im Proust-Fragebogen 1992 angegeben: „Na - mal sehen!“

Wickert: Genau!

Gilt das noch?

Wickert: Na - mal sehen! Ich hab so viele Projekte, mal sehen, was ich als Nächstes mache.

Ulrich Wickert

Ulrich Wickert (75, als Sohn des Diplomaten und Autors Erwin Wickert in Tokio geboren) ist Jurist. Er arbeitete für das Magazin „Monitor“, war Leiter der ARD-Studios Washington und Paris und moderierte 15 Jahre die „Tagesthemen“. Der Bestsellerautor („Der Ehrliche ist der Dumme“) ist in dritter Ehe mit Julia Jäkel, Chief Executive Officer bei Gruner & Jahr, verheiratet. Mit ihr hat Wickert, Vater auch einer erwachsenen Tochter, Zwillinge.

Kultursommer Nordhessen:
  • „Nie die Lust aus den Augen verlieren“: Dienstag, 19. Juni, 19.30 Uhr, Hotel Schloss Hohenhaus, Holzhausen bei Herleshausen.
  • „Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“: Mittwoch, 20. Juni, 19.30 Uhr, Rittersaal, Schloss Spangenberg.

Karten: Tel. 0561/203204, kultursommer-nordhessen.de

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