Erfurter auf Rang eins der Charts

Musiker Clueso im Interview: „Ich war in einer Sackgasse“

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Kassel. Musiker Clueso spricht im HNA-Interview über sein neues Album „Stadtrandlichter“, Musik mit dem Opa und seine Heimat Erfurt.

Auf jemanden wie Clueso wäre jede Castingshow stolz. Der Musiker aus Erfurt sieht gut aus, macht eingängige Pop-Musik, für die es bislang fünfmal Gold und zweimal Platin gab. Aber der 34-Jährige ist das genaue Gegenteil eines Castingstars. Ihm geht es nicht darum, im Scheinwerferlicht zu stehen, sondern um gute Musik. Das war früher HipHop und Reggae. Er tourte mit einem Jazz-Trio, einem Orchester und Udo Lindenberg. Und auf dem neuen Album „Stadtrandlichter“ spielt Clueso auch mal dreckigen Blues. Es steht auf Rang eins der Charts.

Wie findet Ihr 84 Jahre alter Opa Ihr neues Album?

Clueso: Er hat Songs, die er mehr mag, und bei manchen hört er gar nicht so richtig hin. Aber grundsätzlich gefällt ihm das, was sein Enkel macht. Vor allem checkt er immer, ob ich im Fernsehen oder Radio bin. Und wenn wir im Dezember in Erfurt spielen, kommt er auf jeden Fall in die Messehalle.

Mit ihm haben Sie zuletzt ein Album mit Arbeiterliedern aufgenommen, aber nicht veröffentlicht. Warum verstecken Sie es in der Schublade? 

Clueso: Mein Opa hat keinen Bock, dass es von Kritikern unter Beschuss genommen wird. Er wollte das Album nur für sich machen. Und ich wollte ihn ein bisschen von der Gitarre entreißen. Opi braucht die Öffentlichkeit nicht, Oma wollte auch keine Veröffentlichung. Das alles ist nur eine Familiengeschichte. Auf Geburtstagen haben wir früher oft stundenlang Musik gemacht und gesungen. Und Opa hat mir Gitarrengriffe beigebracht.

In „Sein Song“ hört man Sie wieder mit Altmeister Udo Lindenberg. Was haben Sie von ihm und Ihrem Opa gelernt? 

Clueso: Wie mein Opa lässt sich auch Udo nicht aus der Ruhe bringen. Ältere Herren sagen sich: Die Welt kann warten. Von beiden habe ich auch gelernt, wie man mit der Musik alt werden kann. Diese Liebe verblüht nie. Udo und mein Opa sind Vorbilder für mich.

Die neuen Songs klingen ungebügelter und mehr nach Rock 'n' Roll als zuletzt - selbst die Balladen. Wann haben Sie gemerkt, dass der Sound ein anderer werden soll?

Clueso: Eigentlich wollte ich schon nach dem letzten Album „An und für sich“ ein bisschen mehr Entladung. Wenn es mehr rumst, habe ich es als Sänger leichter, mit einfachen Wörtern für Energie zu sorgen.

Es heißt, Sie hätten zuletzt ein bisschen den Überblick verloren. Waren Siein der Krise? 

Clueso: In einer Krise nicht, aber in einer Sackgasse. Vor lauter Terminen hatte ich keine Zeit mehr für meine Leidenschaft. Mir macht es Spaß, mich mit anderen über Musik zu unterhalten und etwas zu lernen. Das hat mir gefehlt.

„Stadtrandlichter“ ist nun das erste Album auf dem eigenen Label. Das klingt erst einmal nach Mehrarbeit. 

Clueso: Eigentlich nicht, wir haben ein großes Büro im Zughafen, im alten Güterbahnhof in Erfurt. Die Leute dort nehmen einem ganz viel ab. Das ist keine One-Man-Show. Man ist beweglicher als bei einer großen Plattenfirma und vielleicht auch innovativer.

Nicht nur in „Stadtrandlichter“, wo Sie den Blick von der Autobahn auf Erfurt beschreiben, geht es ums Nachhausekommen. Welche Bedeutung hat die Heimat für einen, der ständig unterwegs ist?

Clueso: Mit der Zeit wird das immer wichtiger. Ich fühle mich sehr wohl in Erfurt, habe eine große Künstler-WG und viele Freunde, die ich seit Jahren kenne. Als Musiker will man natürlich unterwegs sein, aber wenn man wieder zurück kommt, denkt man, man hat etwas verpasst. Es ist ein bisschen, als würde man aus dem Knast kommen.

Wie ein Gefängnis sieht Erfurt nicht aus auf den tollen Bildern im Booklet. Weiß die Stadt, was Sie an Ihnen hat?

Clueso: Ich denke schon. Mir würde ein Typ wie Clueso ja auf den Sack gehen. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, fand ich in meiner Gegend alle scheiße, denn ich war viel geiler (lacht). Aber die Menschen hier sind schon stolz. Das ist schön.

Clueso: Stadtrandlichter (Text und Ton).

Zur Person

Geboren: Am 9. April 1980 in Erfurt als Thomas Hübner. Ausbildung: Friseurlehre  (abgebrochen)
Künstlername:  Ist eine Hommage an Inspektor Clouseau.
Durchbruch: Gelang ihm 2004 mit der Single „Kein Bock zu geh’n“. Seitdem über eine Million verkaufte Tonträger.
Zughafen: Im ehemaligen Erfurter Güterbahnhof hat Clueso ein Netzwerk aus Kreativen geschaffen. 20 Mitarbeiter kümmern sich um alles - vom Management bis zur Tour.
Privates: Lebt in Erfurt, mehr verrät er nicht.

Von Matthias Lohr

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