Interview: Musiker Maximilian Hecker über seinen Starkult in Asien

Maximilian Hecker

In Deutschland ist der Berliner Musiker Maximilian Hecker nur ein Indie-Künstler, in Japan, Südkorea und China dagegen gilt er als Popstar und füllt große Hallen.

Der Elektronikkonzern Samsung wirbt mit seiner Falsettstimme und seiner sanften Sterbeshymne „Dying“ in TV-Spots, was hierzulande unmöglich wäre. Über den Kontrast zwischen Europa und Asien hat Hecker nun seine Autobiografie geschrieben. Passend zu „The Rise and Fall of Maximilian Hecker“ ist auch sein neuntes Album erschienen. Wir sprachen mit dem 35-Jährigen.

Herr Hecker, in Ihrer Autobiografie beschreiben Sie eine Rock’n’Roll-Aftershowparty mit Koks, Schweiß, Tränen und Sex. Ist das Leben als Rockstar tatsächlich so klischeehaft?

Maximilian Hecker: Nein, das ist die absolute Ausnahme. In San Francisco war ich eher zufällig Nutznießer dieses Erlebnisses. Ich bin kein Pop- oder Rockstar, auch wenn ich in Asien manchen als Idol gelte. Ich schnuppere nur hin und wieder in dieses Leben hinein. In Berlin lebe ich ein Spießerleben, wie es auch meine Eltern in Bünde leben. Aber ich frage mich oft: Wo gehöre ich hin? Diese Orientierungslosigkeit ist Thema des Buches.

Haben Sie schon eine Ahnung, wo Sie hingehören?

Hecker: Nein, aber ich sitze jetzt meistens allein zu Hause. Dort erlebt man zwar kaum etwas, aber man ist auch nicht mehr dem sozialen Leben mit all seinen Tücken ausgeliefert.

Das klingt traurig.

Hecker: Da müssten Sie mich mal erleben, wenn ich ausgehe. Das ist noch viel trauriger. Jedes Mal denke ich, am Ende des Tages warten das Paradies und die große Liebe auf mich. Und dann werde ich doch nur enttäuscht.

Sie schreiben oft über Selbstzweifel und fragen sich: „Warum habe ich Fans, ich bin doch aus Bünde und nichts wert?“ Ist das Buch eine Art Therapie?

Hecker: Das weiß ich nicht. Aber es war befreiend für mich, die Wahrheit ungeschminkt darstellen zu können. Denn ich kann nicht lügen. Falls ich mal eine Beziehung hätte und fremdgehen würde, dann gnade mir Gott. Schon das Lächeln beim Foto-Shooting fällt mir schwer.

Ihr Debütalbum wurde von der „New York Times“ in die Liste der zehn besten Alben des Jahres 2001 aufgenommen. Später hatten Sie in Deutschland zeitweise nicht mal mehr eine Plattenfirma. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg in Asien?

Hecker: Ich habe keine Scheu vor Kitsch und melodramatischen Gefühlen. In Asien hat man einen sehr freien Umgang mit aufgeblasenen Parallelwelten. Meine Art von Romantik ist tief verwurzelt in der asiatischen Kultur. Dazu kommt, dass ich ein Weißer mit einer langen Nase bin. Jemand Exotisches, der etwas Vertrautes macht - das ergibt eine interessante Spannung.

Was unterscheidet Ihren Romantik-Begriff von dem, wie man ihn aus Hollywood kennt?

Hecker: In der deutschen Literatur beschreibt die Romantik getriebene Typen mit einer Persönlichkeitsstörung, die in den Mutterbauch oder an einen verlorenen Ort zurück- wollen. Sie haben eine zu kindliche Seele, um in der erwachsenen Welt zu bestehen. Auch ich fühle mich in dieser Welt nicht wohl. Mit der verzerrten Hollywood-Romantik kann ich nichts anfangen. Dort gilt es als romantisch, wenn man im Schaumbad Champagner trinkt. Für mich ich das nur ein Mangel an Komfort.

Im Buch heißt es: „Ich werde niemals eine Beziehung mit einer Frau haben, weil ich mit meiner Musik verheiratet bin.“ Werden Sie jemals glücklich werden zu zweit?

Hecker: Bisher weiß ich nicht, wie das gehen soll. Aber vielleicht werde ich das in zehn Jahren trotzdem sein.

Ihr neues Album klingt richtig gut, aber auch wie immer. Ist es falsch, wenn man sagt, Sie haben nur zwei sehr schöne Songs, die Sie immer variieren?

Hecker: Das sage ich auch immer. Ein Lied ist für mich kein Ansporn, in einen Wettstreit mit anderen Musikern zu treten. Es muss in sich geschlossen sein. Und wenn es zum 100 000. Mal die gleiche Idee ist, dann muss es eben so sein. Ein Heroinabhängiger, der sich zum 100. Mal einen Schuss setzt, muss ja auch nicht zu etwas Härterem greifen. Er weiß nur: „Das ballert. Und es ist geil.“

Maximilian Hecker: The Rise and Fall of Maximilian Hecker. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 288 Seiten, 12,95 Euro. Wertung: drei von fünf Sternen

Maximilian Hecker tritt mit Felix Reuber (Polarkreis 18) am 18. Dezember im Kasseler Schlachthof auf. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

Zur Person:

Geboren: am 26. Juli 1977 in Heidenheim

Aufgewachsen: in Bünde in Ostwestfalen Ausbildung: zum Krankenpfleger an der Berliner Charité (abgebrochen)

Karriere: Begann als Straßenmusiker am Hackeschen Markt, wo Hecker Songs von Radiohead und Oasis nachspielte und dabei entdeckt wurde

Wichtigstes Album: „Infinite Love Songs“ (2001), der Song „Polyester“ wurde in Israel zur Friedenshymne

Privates: Lebt als Single in Berlin Aktuelles Album: Mirage of Bliss (Blue Soldier Records/ Rough Trade).

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