Interview mit Rapper Kool Savas

+
Kool Savas

„Die Jugend ist ein ätzendes Pack“ Interview: Rapper Kool Savas über seinen türkischen Vater, Integration und die Generation Facebook

Nach zehn Jahren als einer der führenden Rapper Deutschlands hat Kool Savas, 36, keinen Frieden gefunden. Er hat einschlägige Scharmützel mit konkurrierenden HipHoppern ad acta gelegt. Nun erhebt ein neuer Feind sein hässliches Haupt: die Generation Facebook.

Als Sie in einem Berliner Luxushotel Ihr neues Album „Aura“ vorgespielt haben, war Ihre Familie anwesend. Was halten Ihre Eltern von Ihrer Musik?

Kool Savas: Meine drei Geschwister und meine Mutter waren von Anfang an interessiert. Mein Vater hat sich schwer getan. Er hat erst 2010 ein Konzert besucht, bedingt durch meine alten Texte. Mein Vater ist nicht spießig, aber traditionell. Er findet es nicht toll, wenn ich sowas rappe wie „Lutsch meinen Schwanz“. Für meine Mutter war das dummer, spätpubertärer Humor.

Das war unter dem Kürzel „LMS“ Ihr erster Hit.

Savas: Richtig. Mittlerweile ist mein Vater ziemlich stolz. Er merkt, dass es bei mir längst nicht mehr so asozial ist, dass es in andere Richtungen geht und reifer geworden ist.

Während Ihrer Kindheit war Ihr Vater fünf Jahre aus politischen Gründen in der Türkei im Gefängnis.

Savas: Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich verarbeite die Geschichte im Song „Nichts bleibt mehr“. Den Refrain singe ich mit dem belgischen Mädchenchor Scala. Inhaltlich geht es um die Standhaftigkeit meines Vaters, darüber, wie er mit der Folter klargekommen ist. Er meint, er hätte sich die Schmerzen ersparen können, aber dann wäre alles, woran er im Leben geglaubt hätte, nichts mehr wert gewesen.

Ein Film über Ihr Leben, würde der was taugen?

Savas: Mein Leben wäre genauso wert, erzählt zu werden wie alle anderen. Ich habe keine extreme Wut, es gab nie einen Selbstmordversuch, ich lebe höchstens ein bisschen verrückt vor mich hin. Ich habe ein großes Herz, schließe andere schnell mit ein.

Wird das Thema Integration aufgebauscht?

Savas: Meine Güte, ich weiß auch nicht, warum das immer so ein Theater ist. Menschen, die offen sind und ein bisschen was im Kopf haben, sind neugierig und akzeptieren den anderen. In den 20 Jahren, in denen ich überwiegend in Berlin lebe, habe ich keinen einzigen Radikalen kennengelernt. Dieser ganze Terrorismus, das ist nur von den Medien und der Politik aufgeblasene Scheiße.

Die Liebe hat Sie in Orte wie Heidelberg und Paderborn verschlagen. Kommen Sie klar in der Kleinstadt?

Savas: Ich liebe die Provinz. Natürlich schätze ich die Vorzüge einer Stadt wie Berlin, aber die Einschränkung bringt eine andere Form der Freiheit. Leute, die in der Provinz aufgewachsen sind, die sind oft straighter, fokussierter. Großstädter wirken auf mich schwammig und unentschlossen - weil sie sich nie für irgendwas entscheiden mussten.

Die neue, ziemlich ernste Platte macht den Eindruck, dass es anstrengend und auslaugend ist, als Rapper zu arbeiten.

Savas: Ist es auch. Ich bin kein unbescheidener Wichser und ziemlich realistisch, was mich und meine Musik angeht. Mit meinen Reimstyles und Flows mache ich schon auch Ansagen, will der Geilste sein, erfreue mich daran, die Konkurrenz zu ärgern. Nur: Es ist ein hartes Brot. Immer muss man neue Widerstände abbauen und weiter kämpfen, sich beweisen, immun sein gegen Trends und Moden. Halt sein Ding machen. Ich denke, alles in allem habe ich mich in den Herzen etabliert. Aber wissen Sie, was mich ankotzt?

Was denn?

Savas: Die neue Jugendgeneration, die ist oft ein echt ätzendes Pack. Die einmalige Arroganz dieser „Generation Facebook“ macht mich wahnsinnig. Können nichts, aber meinen, sie wären selbst zum Star geboren und haben gegenüber anderen eine große Fresse. Früher hatte man gegenüber Älteren Respekt. Heute? Posten diese dreisten Herrschaften auf meine Pinnwand richtig unverschämte Sprüche. Ich reiße mir für HipHop den Arsch auf, und dann sowas. Ich will nicht verallgemeinern. Viele, auch und speziell sozial schwächere Kids bemühen sich, etwas aus ihrem Leben zu machen. Der Rest? Sollte dringend lernen, für alte Leute im Bus den Platz freizumachen. Das wäre ein erster Schritt.

Kool Savas: „Aura“ (Essah Entertainment)

„Meine Mutter ist katholisch, mein Vater ist Moslem, die haben sich beide integriert und die Sprache des anderen gelernt. Bald feiern sie ihre Goldene Hochzeit“, sagt der in Aachen geborene Deutschtürke Savas Yurderi, 36, über seine Eltern. Bekannt wurde er als Rapper Kool Savas 2002 mit dem Album „Der beste Tag meines Lebens“, 2007 erschien sein Soloalbum „Tot oder lebendig“. Jetzt hat er „Aura“ veröffentlicht.

Von Steffen Rüth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.