Interview: Regisseur Baumgarten über seine „Tannhäuser“-Inszenierung

Sebastian Baumgarten.

Mit einer Neuinszenierung von Richard Wagners romantischer Oper „Tannhäuser“ beginnen am Montag die hundertsten Bayreuther Festspiele.

Wagner wurde für das 1845 in Dresden uraufgeführte Werk inspiriert durch die mittelalterliche Sage, nach der Tannhäuser nach seinem Genussleben im Venusberg Erlösung sucht.

Beim Sängerkrieg auf der Wartburg um die Fürstentochter Elisabeth kommt es zu einem Eklat, als er die sinnliche Liebe preist und vom Venusberg spricht. Auf Elisabeths Fürsprache soll er in Rom büßen. Doch erst nach seinem und Elisabeths Tod wird ihm Vergebung zuteil. Wir sprachen mit Sebastian Baumgarten, früher Oberspielleiter in Kassel, der mit dieser Inszenierung sein Bayreuth-Debüt gibt.

Herr Baumgarten, was hat Sie am „Tannhäuser“ gereizt?

Baumgarten: Es ist ja schon erstaunlich, dass der „Tannhäuser“ beim Publikum eines der beliebtesten Stücke ist, obwohl es in sich komplett gespalten ist. Da kündigt sich schon der neue Komponist Wagner an, und es gibt noch Relikte der alten italienischen und französischen Form der Oper mit den langen Ensembleszenen. Das schafft im Stück eine große Ambivalenz. Für einen Regisseur ist es eine Herausforderung, wenn ein Stück Unstimmigkeiten in sich trägt. Wagner hat später ja nicht umsonst gesagt, dass er glaubt, der Welt noch einen „Tannhäuser“ schuldig zu sein.

Und was reizt Sie inhaltlich?

Baumgarten: Dass Wagner in seiner Hauptfigur eine ähnliche Ambivalenz anlegt. Man könnte sagen, „Tannhäuser“ ist ein Künstlerdrama und ich identifiziere mich als Regisseur damit. Das ist auch gar nicht so fern. Aber wir haben uns darauf konzentriert, dass da ein Mensch ist, der zwischen Exzess und Ordnung, zwischen Rausch und Traum - zwischen Dionysos und Apoll, würde man von der Antike her sagen - sich hin- und herbewegt, sich daran aufreibt und zugrunde geht. Aber der gelebt hat.

Ein Leben im dauernden Widerspruch?

Baumgarten: Die Dauerwidersprüchlichkeit ist die Bedingung von Leben, aber daraus folgt auch das Untergehen. Tannhäuser stirbt ja nicht an einem Selbstmord, sondern letztlich an Entkräftung. Man merkt das auch physisch in der Oper: Tannhäuser ist die Rolle, die in der Opernwelt am schwersten zu besetzen ist. Wer den Tannhäuser singt, hat am Ende des Abends wenigstens eine Tour-de-France-Etappe gewonnen.

Welche Rolle spielen die Frauen dabei?

Baumgarten: Na, eine große. Da ist natürlich die Venus, aber am Ende des Venusbergs sagt Tannhäuser: „Mein Heil liegt in Maria.“ Maria tritt zwar nicht auf, aber sie ist die Gegenspielerin der Venus. Die Gemeinschaft auf der Wartburg ist nicht nur auf Jesus Christus orientiert. Maria ist das ideologische Potenzial, das der Göttin entgegensteht. Und dazwischen hängt Elisabeth, die am Anfang ziemlich lüstern auf Tannhäuser zuläuft. Das Dumme ist nur, dass der exzessbereite Tannhäuser gerade auf dem Weg der Selbstreinigung ist und die beiden sich in gewisser Weise verpassen.

Die Widersprüche, die Sie ansprechen, sind in der Musik ja schon in der Ouvertüre vorhanden. Wie verarbeiten Sie das?

Baumgarten: Bühnenbild, Konzept: Eigentlich entspringt alles der Partitur. In der Ouvertüre sind schon, wie Sie sagen, beide Welten enthalten - als Widerspruch und Einheit. Und dies war auch konzeptionelle Grundlage für einen Bühnenraum, der diese Welten nicht erzählerisch trennt, sondern ein System zeigt, das die drei Orte des Stückes, die Wartburg, den Venusberg und auch Rom verzahnt.

Sind Wagners Regieanweisungen für Sie von Bedeutung?

Baumgarten: Die finde ich ganz toll und schaue sie mit großer Genauigkeit und Freude an. Es gibt bei Wagner ja die großen Orchesterzwischenspiele, ehe sich wieder eine Figur äußert. Und da wird beschrieben, was die Figuren in dieser Zeit pantomimisch darstellen sollen. Das ist sehr anrührend, wenn man sich vorstellt, dass Bayreuth ja einmal nicht dieses Ordnungssystem von heute war, sondern ein exzesshaftes Gebiet, wo Richard Wagner und die Figuren um ihn herum ein ziemlich riskantes Leben geführt haben. Diese Regieanweisungen bekommen eine andere Bedeutung, wenn man weiß, dass sie von einem verkaterten Künstler geschrieben wurden, von einem, der wusste, was Exzess ist.

Daraus spricht Wagner-Bewunderung.

Baumgarten: Wagner ist einfach ein unglaublich guter Dramatiker gewesen. Bei ihm halten die Szenen lange, nicht wie bei anderen Komponisten, wo die Szenen nach drei, vier Minuten verbraucht sind. Wagner schafft das mit einer anderen Intensität - durch die Musik, aber auch durch gutes Drama.

Haben Sie sich vom Ort Bayreuth inspiriert gefühlt?

Baumgarten: Auf der Ebene, dass man hier den Geist des Meister spürt, nicht. Dazu bin ich zu pragmatisch. Aber das Arbeiten hier ist eben anders durch den besonderen Bühnenraum. Bühne und Orchester müssen anders zusammengebracht werden, weil Verzögerungen entstehen und vieles mehr. Es sind einfach spezielle Bedingungen.

Thomas Hengelbrock, mit dem Sie schon zusammengearbeitet haben, dirigiert den „Tannhäuser“. Wie verstehen Sie sich?

Baumgarten: Der Thomas ist der Sound-Dramatiker. Er erarbeitet mit den Sängern das Musikdramatische aus der Sprache. Er realisiert auch die extremen Tempoveränderungen, die von Wagner gewollt waren, die aber sonst nie gemacht werden. Beschleunigung - Entschleunigung: Einfach faszinierend, wenn man es so macht, wie es bei Wagner steht.

Sie haben davon gesprochen, dass Sie bei Operninszenierungen auch Eingriffe in die Musik für sinnvoll hielten. Hätten Sie das auch hier gern gemacht?

Baumgarten: Streckenweise ja. Aber es gehört zu den Verabredungen, dass das hier nicht gemacht wird. Der geschlossene Werkbegriff, der dauert an. Man müsste für ein solches Vorgehen auch ein Vielfaches an Zeit zur Verfügung haben. Ich glaube, dass das Musiktheater, so wie es derzeit auf hohem Niveau existiert, gut weitergehen kann. Da wird es eine Form von Interpretationstheater geben, da wird es Repräsentationstheater mit teuren Kostümen geben. Alles schick. Auf der anderen Seite überlegt man aber vom Sprechtheater aus, wie man erst mal mit kleinen Formaten das Musiktheater in eine Zeit transportieren kann, die halbwegs mit der Gegenwart zu tun hat.

Kommen wir auf Ihre Kasseler Zeit. Sie haben hier 2002 den „Parsifal“ inszeniert. Haben Sie seitdem andere Wagner-Produktionen gemacht?

Baumgarten: Witzigerweise nicht. Ich habe verbindende Sachen gemacht in Berlin im Theater „Hebbel am Ufer“. Da habe ich mal eine Wagner-Hörschule ins Leben gerufen. Ich bin ja nach der Kasseler Zeit auch vorwiegend im Schauspiel unterwegs gewesen.

In Kassel haben Sie „Die Entführung aus dem Serail“, „Rosenkavalier“, „Tosca“ und „Parsifal“ inszeniert, die kontrovers aufgenommen wurden. War das im nachhinein eine wichtige Station für Sie?

Baumgarten: Ich würde sagen, es war die wichtigste Station. Weil ich mit einer großen Kontinuität und einem Ensemble, das doch im wesentlichen zu mir stand, die Sachen entwickeln konnte. Es war auch etwas Siegfried’sche Blindheit für die Gefahren und Fallen des Theaterlebens dabei. Nein, die wichtigste Station, auf jeden Fall. Auch bei allen Divergenzen die ich mit dem Intendanten Christoph Nix hatte: Dass er es mit mir gewagt hat, war ganz schön mutig.

Gibt es eine Produktion, von der Sie sagen, die war besonders wichtig für mich?

Baumgarten: Ich glaube, der „Rosenkavalier“. Die Reaktionen waren damals natürlich extrem kontrovers für mich. Aber so etwas habe ich vermutlich auch am Montag in Bayreuth zu erwarten. Davon muss man ausgehen in dieser Wagner-Kultstätte. Wir haben zwei, drei Tabubrüche begangen, die Bayreuth selber betreffen. Darüber wird man sich erst mal streiten.

Sie holen auch Publikum auf die Bühne. Was hat es damit auf sich?

Baumgarten: Ja, es gibt 50 Plätze auf der Bühne. Für Wagner sollten ja das Orchester unsichtbar und die Illusion im Raum komplett sein. Mich hat interessiert, wie man das aus einer brechtischen Perspektive mal umgekehrt sehen kann. Dass man die Achse zwischen Bühne und Zuschauerraum aufmacht und nicht alles wie durch eine Glasscheibe erscheinen lässt.

Von Werner Fritsch

Zur Person: Sebastian Baumgarten

Sebastian Baumgarten (42) wurde in Ostberlin geboren. Sein Großvater Hans Pischner war Intendant der Berliner Staatsoper. Baumgarten studierte Regie an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ und war Assistent von Ruth Berghaus, Einar Schleef und Robert Wilson. Seit 1992 inszeniert er eigenständig, 1999 bis 2002 war er Oberspielleiter der Oper am Kasseler Staatstheater. 2006, nun frei arbeitend, wurde er für seine Berliner Inszenierung von Händels „Orest“ zum Regisseur des Jahres gewählt. Baumgarten lebt in Berlin und ist mit der Schauspielerin Kathrin Angerer verheiratet.

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