Im Interview: Regisseur Tom Tykwer über seinen Film „Drei“ und Bisexualität

Seit „Lola rennt“ (1998) gehört Tom Tykwer zu den Regisseuren, die das gegenwärtige deutsche Kino am stärksten geprägt haben. Diese Woche läuft sein in Berlin spielender Film „Drei“ in den Kinos an. Die Dreiecksgeschichte erzählt von Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper), die sich unabhängig voneinander in denselben Mann (Devid Striesow) verlieben.

Was hat Sie nach zwei großen internationalen Produktionen wieder zurück zum deutschen Film gebracht?

Tom Tykwer: Im Deutschen fühle ich mich zu Hause und gehe in meiner Muttersprache auf die Schauspieler in einer anderen Weise zu. In „Drei“ ging es mir aber auch darum, meine Heimatstadt Berlin nicht nur als Kulisse zu zeigen, sondern als einen Ort, an dem die Menschen wirklich leben und sich zu Hause fühlen.

Ist die Zahl drei für Sie eine Glückszahl?

Tykwer: Nein, die Zahl hat für mich keine tiefere Bedeutung. Allerdings habe ich in meinem Arbeitsleben eine Menge sehr produktiver Dreier-Formationen erlebt. Das Drehbuch zu „Das Parfum“ haben Bernd Eichinger, Andrew Birkin und ich zu dritt an einem Schreibtisch vor einem Monitor geschrieben. Mein nächstes Projekt heißt „Wolkenatlas“, und da werde ich mit den Geschwistern Wachowski, die „The Matrix“ gemacht haben, das Buch schreiben und Regie führen. Auch privat bewege ich mich in einer Dreier-Formation als Mann mit Frau und neu hinzu gekommenem Kind. Anscheinend habe ich eine Neigung zu dieser Konstellation.

Wie in einigen Ihrer Filme ist auch in „Drei“ der Zufall die treibende Kraft. Ist das nur ein dramaturgisches Mittel oder entspricht das Ihrer Sicht auf das Leben?

Tykwer: Unser Alltag steht unter dem Einfluss von unberechenbaren Momenten. Im normalen Leben passieren Dinge, die einem im Kino keiner abnehmen würde. Die scheinbar klare Verlaufslinie unseres Lebens hat immer überraschende Wendungen, weil zufällige Faktoren auf uns einwirken. Der Zufall in unserem Film ist ja, dass zwei Leute demselben Dritten unabhängig voneinander begegnen - das ist in einer Großstadt wie Berlin zufällig, aber auch schon tausendmal passiert.

Aber Hanna und Simon begegnen diesem Mann nicht nur, sie verlieben sich beide in ihn.

Tykwer: Wenn mir Menschen erzählen, wie ihre Liebesgeschichten entstanden sind, besteht fast jede dieser Geschichten aus spektakulären Zufällen. Ich glaube nicht, dass irgendein Film es schaffen kann, die Kontingenz des Lebens überzustrapazieren. Das Problem ist aber, dass wir als Kinozuschauer eine Art Plausibilitäts-Polizei sind. Von daher müssen in der Inszenierung die Zufälle auf möglichst unaufgeregte Weise daherkommen.

Bisexualität sieht man im Kino nicht allzu oft. Ist Bisexualität stärker tabuisiert als Homosexualität?

Tykwer: Wenn Heterosexuelle über Homosexuelle sprechen, dann ist das meistens mit einer Distanzierung verbunden - dass man es zwar akzeptiert, aber für sich selbst nicht nachvollziehbar findet. Bisexualität hingegen ist als Option viel wahrscheinlicher und wird dadurch vielleicht als bedrohlicher empfunden. Wir leben zwar in einer Welt, in der das Reflektionsniveau über Sexualität sehr fortgeschritten ist. Aber dieses Bewusstsein hat bisher noch nicht dazu geführt, dass wir uns fragen, was das mit uns selbst zu tun hat. Wir leben sozusagen unserem Bewusstsein hinterher.

Wie würde die Beziehung von Simon und Hanna aussehen, wenn sie ein Kind hätten?

Tykwer: Es ist natürlich ein wichtiger Aspekt, dass wir eine kinderlose langjährige Beziehung zeigen, wo der Kinderwunsch schon fast vorüber gezogen ist. Die beiden führen ein Leben, in dem sie einander zugewandt, aber auch sehr selbstständig sind. Eine gewisse erotische Spannung im Alltag fehlt und die notwendige Bindungsenergie, die ein Kind erzeugt, wird hier durch Inhalte und Themen wie Kultur und Politik ersetzt, für die sich beide interessieren.

Warum ist die Midlife-Crisis so ein beliebtes Filmthema?

Tykwer: Meistens muss die Midlife-Crisis in romantischen Komödien für irgendwelche kleinen Problemchen herhalten, aber dass sie als ein Phänomen ins Zentrum gerückt wird, das Menschen über Jahre hinweg beschäftigt - das sieht man im Kino eher selten. Diese Art von Krise erfasst die Erwachsenen immer wieder. Wir definieren uns dadurch, dass Leute uns auf eine bestimmte Weise sehen wollen und wir uns dem fügen. Es ist ein geformtes Bild. In regelmäßigen Abständen führt dieser Widerspruch in eine Krise, weil wir wachsen wollen und die Gesellschaft uns eine Festlegung auf etwas verschreibt, das wir vielleicht gar nicht mehr sein wollen.

Wie verändert eine schwere Krankheit, wie Simon sie mit seiner Krebsdiagnose durchlebt, die Sicht auf das Leben?

Tykwer: Bis dahin hat man von der Geburt weg gelebt, durch eine solche Krankheit bekommt man nun das Gefühl, auf den Tod hin zu leben. Wenn man diese beiden Lebensrichtungen von der Geburt weg und zum Tod hin verinnerlicht hat, kann man sein Leben sehr viel umfassender begreifen.

Hätte Simon sich ohne diese Erfahrung auf eine Affäre mit Adam eingelassen?

Tykwer: Es ist natürlich oft so, dass ein Einschnitt im Leben dafür sorgt, dass wir unsere unterdrückten Sehnsüchte ausleben. Irgendwann erwachen die verdrängten Bedürfnisse und brechen sich Bahn. Die Wahrheit in uns selbst will ans Licht.

Zur Person

Tom Tykwer (45) ist einer der wenigen deutschen Regisseure, die auch auf dem internationalen Markt erfolgreich sind. Der gebürtige Wuppertaler lebt mit Frau und Kind in Berlin. Nach ersten Filmversuchen mit elf Jahren wurde er in den 80ern Kinomanager, gründete dann eine Produktionsfirma und hatte seinen Durchbruch 1998 mit dem international erfolgreichen „Lola rennt“. Weitere Filmerfolge waren „Der Krieger und die Kaiserin“, „Heaven“, „Das Parfum“ und „The International“, mit dem 2009 die Berlinale eröffnet wurde.

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