Interview mit R.E.M.-Bassist Mills zum neuen Album der Kultband

Falls Michael Stipe (51), Peter Buck (54) und Mike Mills (52) wirklich nach 31 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte als R.E.M. getrennte Wege gehen wollen, wie es Bassist Mills in unserem Interview andeutet, so wäre das sehr schade.

Das in New Orleans, Nashville und den Berliner Hansa Studios aufgenommene Album „Collapse Into Now“, das heute erscheint, versammelt alle Stärken der US-Band. Den geradeheraus gespielten College-Rock („Mine Smells Like Honey“, „All The Best“) der frühen Platten, harmoniegetränkte Hymnen („Oh My Heart“, „It Happenend Today“) und große Balladen („Blue“).

„Collapse Into Now“ ist das 15. Studioalbum von R.E.M. Sind Sie noch aufgeregt, wenn Sie neue Musik veröffentlichen?

Mike Mills: Und ob! Wir denken, „Collapse into Now“ ist unser bestes Album seit langem.

Was macht das Album denn besonders gut?

Mills: Wir haben es breit angelegt. Das heißt, wir haben alle erdenklichen Arten von Songs geschrieben und mit allen möglichen Stilen jongliert, ohne dass wir vorher festgelegt hätten, ob wir nun ein eher lautes oder ein eher leises Album machen wollten. Es gab keine Beschränkungen. Und jetzt haben wir alles: Ein paar klassisch nach R.E.M. klingende mittelschnelle Songs, ein paar echte Rocker und ein paar gemächliche, ruhige Stücke. Auf diese Vielfalt sind wir sehr stolz.

Sie haben die Platte zum Teil in Berlin aufgenommen. Wieso gerade dort?

Mills: Zum einen wollten wir sehr gerne in den Hansa Studios arbeiten. Die Geschichte dieses Ortes ist einfach fantastisch, David Bowie hat „Heroes“ dort aufgenommen, U2 „Achtung, Baby“. Wir hatten uns das Studio zuvor schon angeschaut und beschlossen bereits 2008, dort Quartier zu beziehen.

Waren die ehrwürdigen Hansa Studios der einzige Grund?

Mills: Nein. Der zweite Grund war Berlin selbst. Wir hatten schon länger den Wunsch, mal mehr Zeit dort zu verbringen als die ein oder zwei Tage während einer Tournee. Und es war wirklich cool. Wir hatten viel Spaß, ich bin oft essen gegangen, habe sehr viel Bier getrunken und bin viel spazieren gewesen. Wir waren ja mitten im Sommer dort, es war heiß und gerade Fußball-WM. Was für eine lässige Zeit.

Eines der neuen Stücke heißt „Überlin“. Handelt es von Berlin?

Mills: Indirekt. Der Protagonist des Songs lebt in Berlin, er will dort ein neues Leben anfangen. Glaube ich zumindest, denn Michael erklärt uns nie, was er in seinen Texten sagen will. Ich lege mir immer meine eigenen Deutungen zurecht. Manchmal stimmen sie mit Michaels überein, manchmal geht es ihm um etwas ganz anderes. So ergeht es wohl den meisten R.E.M.-Hörern. Um den Song zu mögen, musst du nicht wissen, was Michael dir sagen will.

Michael Stipe soll in Berlin ordentlich um die Häuser gezogen sein.

Mills: Das habe ich auch gehört. Er hat eine Menge Freunde in der Stadt, Peaches zum Beispiel lebt dort und hat ihm alle möglichen Ecken und Kaschemmen gezeigt. Ich war da nicht so oft mit. Denn Berlin ist eine echte Nachtschwärmerstadt. Wenn du vernünftig weggehst, bist du vor morgens um 6 Uhr nicht im Bett.

Die Musikerin Peaches singt auch auf dem Album mit, genauso Eddie Vedder von Pearl Jam sowie Patti Smith. Sind das alles alte Freunde von Ihnen?

Mills: Patti und Eddie kennen wir seit vielen Jahren. Peaches ist jetzt eine neue Freundin von Michael, wir finden sie alle echt umwerfend und echt schmutzig. Unsere Liveshow ist ja auch sehr wild, aber kein Vergleich mit Peaches. In Dresden immerhin habe ich einmal nur in meiner Unterwäsche gespielt.

Warum das?

Mills: Mir war danach. Ich kam zur Zugabe nur in Unterhose raus, weil ich dachte, einmal im Leben muss ich das machen.

Für den Plattenvertrag, den Sie 1996 abgeschlossen haben, soll das Label 80 Millionen Dollar bezahlt haben. Wären solche Summen heute noch denkbar?

Mills: Nein, die Musikindustrie verändert sich dramatisch. Sie verändert sich sogar so dramatisch, dass wir noch nicht wissen, ob und wie wir weitermachen werden. Ich denke, wir werden immer Musik machen. Ob wir diese Musik als R.E.M. machen, ob und wie wir sie veröffentlichen - alles das wissen wir selbst noch nicht.

Das heißt, vielleicht war es das jetzt mit R.E.M.?

Mills: Michael liebt seine Kunstprojekte, Peter und ich machen sicher auch noch Musik. Wir haben einfach noch nicht beschlossen, ob es eine Zukunft für R.E.M. gibt.

R.E.M.: Collapse Into Now (Warner). Wertung: !!!!:

Bassist Mike Mills (52, von links), Sänger Michael Stipe (51) und Gitarrist Peter Buck (54) benannten ihre Band nach der medizinischen Abkürzung für „Rapid Eye Movement“, der schnellen Augenbewegung von Träumenden. Die Karriere der 1980 in Athens (Georgia) gegründeten Band verlief wie im Traum. In den 80ern waren die Musiker mit College-Rock vor allem Kritikerlieblinge. Das Album „Out Of Time“ (1991) und Hits wie „Losing My Religion“ machte die Amerikaner zu einer der wichtigsten Rock-Bands. Der gebürtige Kalifornier Mills ist Vater eines Sohnes und lebt in Athens. (mal)

Von Steffen Rüth

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