Interview: Warum US-Serien mutiger als das Kino sind

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Die neuen Serienhelden sind vielschichtigere Charaktere als früher: Mit Mafia-Boss Tony Soprano (James Gandolfini, links) und den Sopranos begann Ende der 90er die Neuerfindung eines ganzes Genres. Heute fesseln die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) aus „Homeland“ sowie die Drogenköche Jesse Pinkman (Aaron Paul, rechtes Bild hinten) sowie Walter White (Bryan Cranston) aus „Breaking Bad“ die Zuschauer.

Das Fernsehen hat sich neu erfunden. Anspruchsvolle Serien wie „Breaking Bad“, „The Sopranos“, „Homeland“ und „Mad Men“ setzen Maßstäbe. Die Figuren entwickeln sich. Die Handlungsstränge sind komplex, Erzählbögen weit gespannt.

Diese Serien werden mit Romanen verglichen und gelten als mutigeres Kino. In Frankfurt treffen sich nun Stars der Branche und loten Perspektiven für das Fernsehen aus. Wir sprachen mit Professor Christoph Dreher, der ein Buch über „Breaking Bad“ geschrieben hat.

Die US-Gefängnisserie „Oz“ aus den 90ern gilt als Durchbruch für die neue Art des TV-Erzählens. Wie kam das?

Christoph Dreher: HBO war ein anspruchsvoller US-Sender, der sich noch weiter profilieren wollte. Er hat als Erster erkannt, dass man einen Imagedurchbruch nur mit Radikalität erzielen kann. Es wurde nicht nur ein Konzept für die Serie entwickelt, auch Dinge, die man noch nie gemacht hat. Bei „Oz“ stirbt der Protagonist am Ende der ersten Folge. Das ist keine TV-Spielerei. Das bedeutet, dass schlagartig Serienmuster nicht mehr funktionieren. Protagonisten aus „Bonanza“ durften niemals sterben, noch nicht mal älter werden.

Warum hat HBO diesen Weg beschritten?

Dreher: Das ist klar eine ökonomische Entscheidung.

Was ist der gemeinsame Nenner dieser neuen Serien?

Dreher: Die komplexen Strukturen. Es gibt mehrere Protagonisten, die als Figuren ambivalent sind. Die herkömmlichen Formate sind eigentlich Comic-Serien, wo die Figuren Abziehbilder sind: gut oder böse. Das hat seinen Reiz. Aber jetzt hat man es mit Figuren zu tun, die es vorher nur in der Literatur gab. Die Sopranos sind die Buddenbrooks von New Jersey. Man verfolgt eine Familie über Jahre. Film- und Realzeit sind identisch. Bei Bonanza war Little Joe auch zehn Jahre später noch Little Joe.

Wie verarbeiten die Serien Kinomotive?

Dreher: Sie spielen mit Genres, kombinieren sie und gehen über sie hinaus. „Breaking Bad“ wurde in der Wüste von New Mexico gedreht, es sind Anleihen an Western zu finden. So parken die Autos der Kontrahenten einander gegenüber wie beim klassischen Showdown.

Haben Bilder und Räume wirklich Kinoniveau?

Dreher: Aber sicher. Gerade bei „Breaking Bad“. Kameramann Michael Slovis sagt, er macht zum Teil Bilder wie bei „Lawrence von Arabien“. Aber nicht alle Serien haben diese Absicht. Viele arbeiten mit klassischen Fernsehtugenden: Innenräume, sprechende Menschen in Nahaufnahme.

Wie entsteht die Qualität?

Dreher: Die Sender haben verstanden, dass man die Leute machen lassen muss. Dass die Produzenten nicht reinreden, ob vielleicht die Oma verschreckt wird oder der Achtjährige etwas nicht versteht. Die haben Writer’s Rooms, Schreibteams. Weil klar ist, für die Qualität braucht es einen Pool von Talenten.

Erreichen sie denn auch das breite Publikum?

Dreher: Man hat nicht die richtigen Messverfahren, um das zu beantworten. Die Quotenermittlung misst die Zahl der Ersteinschalter. Was aber nicht aussagekräftig ist. 14 Tage nach der Erstausstrahlung hat sich die Zahl der Zuschauer einer Folge längst vervielfacht. Wenn man anders misst, könnte man zu überraschenden Ergebnissen kommen. Wichtig ist auch, zu beachten, dass das Abofernsehen in den USA es gar nicht nötig macht, ein großes Publikum zu erreichen. Für die Sender sind diese aufwendigen Serien trotzdem profitabel.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte im deutschen Fernsehen?

Dreher: Es gibt hier völlig unterschiedliche Bedingungen. Dass die deutschen Sender im fiktionalen Bereich so wenig wagen, was auch etwas kostet, und sich stattdessen auf dem Erfolg des „Tatorts“ ausruhen, kann man dennoch kaum entschuldigen.

Gibt es oder gab es im deutschen Fernsehen vergleichbare Langform-Serien?

Dreher: Außer der „Lindenstraße“, die ja ein anderes Thema ist, nur Edgar Reitz’ „Heimat“. Er hat nie versucht, US-Vorlagen zu kopieren, sondern ist eigenständig. Toll. Aber eine Ausnahme. Wenn man es notwendig fände, sich zu erneuern, um langfristig zu bestehen, müsste man sagen, wir finanzieren jetzt über sieben Jahre einen Writer’s Room, um eine bestimmte Qualität zu erreichen. Sonst hat man maximal eine Miniserie wie Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“, die traditionell von einer Person geschrieben wurde. Und dann findet man beim Sender die Quote nicht gut genug, versendet den Rest der Miniserie nachts und sieht sich darin bestätigt, lieber beim „Tatort“ zu bleiben.

Von Bettina Fraschke

Die fünfte und letzte Staffel von „Breaking Bad“ läuft ab dem 6. Dezember bei Arte.

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