Interview in Deutschland: Ai Weiwei über Reisefreiheit und Unterstützung

Nach der Ankunft in München: Selfie von Ai Weiwei mit seiner Partnerin Wang Fen und seinem Sohn Ai Lao. Foto: dpa

Vier Jahre hat Ai Weiwei auf eine Ausreiseerlaubnis gewartet. Als er nun seinen Pass erhielt, flog er zu einer ärztlichen Untersuchung nach München.

Seit einigen Tagen ist er in Berlin, wo sein sechsjähriger Sohn Ai Lao mit der Mutter, Ai Weiweis Lebensgefährtin Wang Fen, lebt: „Der beste Platz für ihn.“ Der Vater wollte ihn vor Schikanen in China bewahren. In Berlin will Ai sein Atelier in einem einstigen Brauereikeller im Prenzlauer Berg ausbauen und nächste Woche bei der Universität der Künste vorsprechen, die ihn 2011 demonstrativ auf eine Gastprofessur berief.

Wie fühlt es sich an, ein freier Mann zu sein - zumindest gesagt zu bekommen, man sei es?

Ai Weiwei: Sehr entspannt. Aber in den vergangenen vier, fünf Jahren stand ich unter sehr strenger Kontrolle. Überall wurde ich verfolgt und beobachtet. Jetzt kehre ich zu einer Art Normalzustand zurück. Natürlich ist mir klar, dass die Leute, die solchen Aufwand getrieben haben, sich weiter um jeden Schritt von mir „kümmern“ und ihn registrieren. Ich glaube, das wird mich mein Leben lang begleiten.

Wie wichtig ist es für Sie, zurückkehren zu können?

Ai: China ist ein Teil von mir. Allerdings macht es im Internetzeitalter keinen großen Unterschied. Doch natürlich will ich mich wie ein normaler Mensch bewegen können.

Wollen Sie vorsichtig sein, um Ihre Rückkehr nicht zu gefährden?

Ai: Ich habe keine neue Strategie. Es ist nur so: Wenn ich nicht in der Lage bin, eine Veränderung herbeizuführen, warum sollte ich über die Probleme sprechen? Ich versuche, die direkte Konfrontation zu vermeiden, die ich gesucht habe - und die mir so viel Bewegungsfreiheit und Gehör in China genommen hat. Jeder muss aus der Vergangenheit lernen.

Haben Sie eine Erklärung, warum Sie Ihren Pass bekommen haben?

Ai: Meine einzige Frage ist, warum sie ihn mir lange vorenthalten haben. Allerdings erkenne ich das Bemühen an, mir den Pass zurückzugeben. Das war nicht selbstverständlich, weil sie einen Grund haben, mich gefährlich zu finden. Mein Auftreten, meine Art von Kunst passen nicht in ihr Schema.

Denken Sie, es hat geholfen, dass deutsche Politiker die Menschenrechtslage in China angesprochen haben?

Ai: Da bin ich völlig sicher. Jeder Versuch, offen und klar seine Meinung zu sagen, trägt dazu bei, den Boden für Fairness und Gerechtigkeit zu bereiten. Ich glaube, die deutschen Politiker sind da in ihrer Haltung gradlinig. Und selbst wenn es nicht unmittelbar hilft, ist es eine Unterstützung.

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Freunde daheim und Ihren verhafteten Anwalt?

Ai: Viele der Menschen, die mit mir verbunden sind, sitzen im Gefängnis. Es geht mehr um Strafe als um die Aufklärung von Vorwürfen. Aber ich hoffe sehr, dass die Behörden verstehen, dass Gerechtigkeit der Gesellschaft insgesamt hilft. Willkür zerstört das Vertrauen in den Staat. Über dieses Thema muss man immer wieder sprechen.

Zur Person: Ai Weiwei (57, geboren in Peking), einer der wichtigsten Gegenwartskünstler und Star der documenta 12 in Kassel, hat in China Missstände kritisiert und fiel bei den Machthabern in Ungnade. Wegen angeblicher Steuervergehen wurde er inhaftiert. Ai ist mit Lu Quing verheiratet, die seine Firma „Fake“ betreibt, einen Sohn hat er mit Wang Fen. Bei Instagram zeigt er Fotos von Unternehmungen mit ihnen. Der Kasseler Grimmwelt, die am 4. 9. eröffnet wird, hat Ai ein Werk geschenkt. (dpa)

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