Interview: Wladimir Kaminer über sein Leben als Bestsellerautor und „Russendisko“

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Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer hat ein abwechslungsreiches Leben: Zuletzt absolvierte er ein Fotoshooting für den Playboy (und zwar angezogen), am Freitag moderierte er im ZDF das Kulturmagazin „Aspekte“, und demnächst geht er auf Lesereise.

„Liebesgrüße aus Deutschland“ heißt das aktuelle Buch des Deutschrussen, der seit 20 Jahren in Berlin lebt. Wir telefonierten mit dem 44-Jährigen vor seiner Lesung am kommenden Samstag in Vellmar.

Herr Kaminer, von Ihnen hat man gerade das neueste Buch durchgelesen, da erscheint schon das nächste. Schreiben Sie 24 Stunden am Tag?

Wladimir Kaminer: Nein. Ich schreibe nur zwei bis drei Stunden in der Woche. Aber ich lebe viel. „Liebesgrüße aus Deutschland“ ist das tollste, dickste und lustigste Buch, das ich je geschrieben habe. Aber bei Lesungen trage ich am liebsten Geschichten vor, die noch nicht veröffentlicht sind. Heute Abend gehe ich zum Beispiel mit dem deutschen und dem russischen Präsidenten im Schloss Bellevue essen.

Sie sind bei Christian Wulff und Dmitri Medwedew eingeladen? Sind Sie nicht aufgeregt?

Wladimir Kaminer

Geboren: am 19. Juli 1967 in Moskau Ausbildung: zum Toningenieur für Theater und Rundfunk in Moskau; im Juli 1990 kam er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Ost-Berlin Durchbruch als Schriftsteller: im Jahr 2000 mit dem Erzählband „Russendisko“, der nach seiner Partyreihe im Kaffee Burger benannt ist Privates: lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Kaminer: Nein, ich ziehe sogar einen Smoking an. Ich weiß nur nicht, ob ich vorher nicht doch etwas essen sollte. Wer weiß, was es im Schloss Bellevue gibt. Da könnte ich eine gute Geschichte draus machen. Vielleicht schreibe ich aber auch über das Schwimmbad, in dem ich heute Morgen mit meiner Mutter war. Und demnächst spreche ich einen russischen Tiger namens Vitali in dem Trickfilm „Madagascar 3“. Entschuldigung, meine Frau sagt gerade, dass ich darüber noch nicht reden darf. Das musste ich der Produktionsfirma sogar schriftlich geben. Schreiben Sie das also bitte nicht mit dem Tiger.

Aber Sie haben es doch schon über Twitter mitgeteilt.

Kaminer: Wirklich? Na gut.

In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, dass die Deutschen alles ohne Herz tun, dafür nur aus bloßem Interesse handeln. Haben die Deutschen tatsächlich kein Herz?

Kaminer: Doch, natürlich. Ich weiß, dass sie viel sentimentaler sind als die Russen. Sie neigen zur Schwermut und haben noch Hoffnung, dass alles zum Guten kommen kann. Das haben die Russen nicht. Ich halte es eher mit den Deutschen.

Wie deutsch sind Sie nach 20 Jahren in Berlin?

Kaminer: Ich frage meine Frau. Sie sagt: gar nicht. Ich lese zum Beispiel nach wie vor bevorzugt russische Bücher. Deutsche Literatur ist meist nur Unterhaltung, die die Menschen vor der Langeweile retten soll - ob als Science-Fiction- oder Ritterroman. Für die Russen ist Literatur dagegen viel mehr. Sie ersetzt die Soziologie, die Psychologie und auch die Religion.

Vor Kurzem haben Sie gesagt, dass Sie sich immer noch als Ausländer hier fühlen. Das ist kein gutes Zeichen für Sie und das Land, in dem Sie leben.

Kaminer: Das finde ich nicht. Ich möchte das Ausländersein nicht missen. Es verschafft einem einen besseren Blick auf das Leben.

Gehen Ihnen nach den vielen Büchern als Hobby-Ethnologe nicht bald die Themen aus?

Kaminer: Nein, ich suche ja nicht von früh bis abends nach neuen Themen. Im Grunde sind es die alten Themen, die mich beschäftigen. Mich interessiert, was wir besser machen müssen als früher. An Themenmangel sterbe ich nicht, eher schon an Interviews.

Ist es gerade so schlimm?

Kaminer: Nein, unseres ist sehr gut. Aber ich gebe zu viele Interviews. Und es gibt noch keine Studie darüber, wie sich die Gespräche auswirken. Was wir machen, ist ein Experiment am eigenen Leben.

Einer der schönsten Texte im Buch handelt von den Deutschen und ihren Navigationsgeräten, denen sie blind vertrauen, weshalb sie am Ende wie die Kinder beim Rattenfänger von Hameln in der Weser landen. Haben Sie selber eines?

Kaminer: Mittlerweile ja. Meine Frau nennt das Gerät nur „die Blondine“, weil es manchmal mitten auf der Autobahn sagt: „Bitte wenden.“ So etwas kann nur eine Blondine machen, meint meine Frau. Wir haben beide im Mai den Führerschein gemacht.

Wieso brauchen Sie jetzt einen Führerschein, wo Sie so lange ohne ausgekommen sind?

Kaminer: Wegen des Gartens. Meine Frau wollte unbedingt einen Garten haben. In unserem Schrebergarten in Berlin hatten wir Probleme mit spontaner Vegetation und der Prüfungskommission des Vereins. Jetzt haben wir 50 km entfernt von Berlin einen großen Garten. Da kommst du nur mit dem Auto hin.

Im März kommt nach vielen Jahren Planung endlich Ihr Bestseller „Russendisko“ mit Matthias Schweighöfer ins Kino. Wieso hat es so lange gedauert?

Kaminer: Wie sagt man so schön: Was lange währt, wird endlich gut. Am Anfang hatte ich große Zweifel, ob man aus zwölf Kurzgeschichten einen zusammenhängenden Film machen kann. Aber die Macher haben es sehr gut hinbekommen, die Leichtigkeit im vereinten Berlin zu zeigen. So kenne ich den deutschen Film gar nicht. Entweder ist er gewollt lustig oder sehr bedeutungsschwanger. „Russendisko“ ist also total undeutsch.

Wladimir Kaminer: Liebesgrüße aus Deutschland. Manhattan, 288 Seiten, 17,99 Euro.

Wladimir Kaminer liest am 19. November, 20 Uhr, beim Vellmarer Leseherbst, Mehrzweckhalle Frommershausen. Tickets: 0561/203-204. www.piazza.ddticket.de

Von Matthias Lohr

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