1. Startseite
  2. Kultur

Warum man diesen Kasseler Hofmaler nicht unterschätzen sollte

Erstellt:

Von: Mark-Christian von Busse

Kommentare

Familienbild: Selbstbildnis Tischbeins mit seinen beiden Töchtern.
Familienbild: Selbstbildnis Tischbeins mit seinen beiden Töchtern. © Museumslandschaft Hessen Kassel

Was zeichnet den Kasseler Hofmaler Johann Heinrich Tischbein d.Ä. aus, dem im Museum Schloss Wilhelmshöhe eine Sonderausstellung gewidmet ist? Das erklärt im Interview Sammlungsleiter Justus Lange.

Im Museum Schloss Wilhelmshöhe steht zurzeit Johann Heinrich Tischbein der Ältere im Blickpunkt. Anlass für die Sonderausstellung „Der Maler als Zeichner – der Zeichner als Maler“ ist der 300. Geburtstag des Kasseler Hofmalers. Wir haben mit Justus Lange, dem Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, über Tischbein gesprochen, der 1722 als Sohn eines Bäckers in Haina geboren wurde. Er wurde der bedeutendste Vertreter der Tischbein-Malerdynastie.

Der Bäcker Tischbein in Haina hatte 33 Nachkommen, die Maler waren, an Akademien unterrichteten oder anderweitig mit Kunst zu tun hatten. Kommen Sie da eigentlich auch mal durcheinander?

Ja, weil sie zum Teil auch ähnliche oder sogar identische Vornamen haben, ist das eine Herausforderung. Aber es gibt einen Stammbaum, der immer mal wieder publiziert wird. Da findet man sich dann doch ganz gut zurecht.

Welche Stellung in diesem Tischbein-Gefüge hat denn Johann Heinrich der Ältere, um den es in der Ausstellung geht?

Johann Heinrich gehört zur ersten Malergeneration: Er ist der fünfte Sohn, und er hat die erfolgreichste Karriere als Hofmaler und Akademiedirektor gemacht. Durch einen Mäzen, den Grafen Stadion, konnte er lange Jahre in Paris und in Italien studieren. Insofern ist er in der ersten Generation der bedeutendste.

Und die zweite Generation?

Da schaffen es zwei Neffen, eine ähnliche Karriere hinzulegen: Johann Heinrich Wilhelm, der „Goethe-Tischbein“, als Akademiedirektor in Neapel und als Hofmaler in Oldenburg und Eutin. Und Johann Friedrich August. Er war Hofmaler in Arolsen – da war er aber nicht so glücklich – und später Akademieprofessor in Leipzig. Er wird gerne als der „bürgerliche Tischbein“ oder Maler des Bürgertums dargestellt.

Nun stellt sich die Frage: Wie wird ein Bäckersohn aus dem kleinen Haina, damals wahrscheinlich noch viel abgeschiedener als jetzt, zum Hofmaler und Akademiedirektor? Ist das Glück, Begabung, sind das günstige Fügungen?

Von allem ein bisschen. Unsere Kenntnis über sein Leben verdanken wir drei Quellen: Es gibt eine Rede, die Johann Casparson 1790 in der Altertümer-Gesellschaft in Kassel gehalten hat. Sie ist 1797 mit einem Text von Johann Engelschall, Professor in Marburg, publiziert worden. Engelschall hat auch noch einmal eine Lebensbeschreibung oder Charakterisierung Tischbeins veröffentlicht. Und schließlich taucht in den Lebenserinnerungen von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein sein Onkel immer wieder auf, wobei gerade die „Lebenserinnerungen“ eine sehr stark literarisch geprägte Biografie ist, in der man nicht alles allzu wörtlich nehmen darf. Aus diesen drei Quellen erfährt man schon eine ganze Menge: Zum Beispiel, dass bereits der Bäckermeister eine künstlerische Neigung hatte und drechselte. Auch die Mutter hat gezeichnet und gestickt und junge Damen darin unterwiesen. Es war ein bescheidenes, aber künstlerisch geprägtes Ambiente. Einer der älteren Brüder ergreift das Malerhandwerk in Darmstadt und schickt dem Jüngeren Malmaterial nach Haina. Man darf das aber auch nicht zu sehr romantisch verklären, es ist gar nicht ungewöhnlich, dass Menschen im 16., 17., 18. Jahrhundert eine Künstlerlaufbahn einschlagen. Das ist – in einem gewissen Rahmen – eine der Möglichkeiten, sich aus seinem Stand heraus zu entwickeln. Rembrandt war auch Müllersohn, Ribera war Schustersohn, auch in Italien könnte man eine ganze Reihe Künstler nennen, die aus einem solchen Umfeld kommen.

Tischbein konnte auf Reisen gehen, wurde in Frankreich und Italien ausgebildet. Was hat er da gelernt? Welche Prägungen hat er da erfahren?

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist Paris das künstlerische Zentrum, wenn es um Porträts und Historienmalerei geht. Da ist Tischbein Schüler bei Carle van Loo, aber er hat auch anhand der jährlich stattfindenden Salons einen Einblick in das zeitgenössische Kunstgeschehen. In den fünf Jahren, die er dort verbringt, erwirbt er umfassende Kenntnisse – zum Beispiel, wie ein Werkstattbetrieb auf diesem Niveau aufgebaut ist. Die anschließende Reise nach Italien wird immer so beschrieben, als tauche er ein in die Welt der Hochrenaissance und der Antike. Aber man darf nicht vergessen, dass auch Rom ein ganz lebendiges künstlerisches Zentrum war. Da treffen sich Künstler aus aller Herren Länder. Da läuft er nicht nur an Antiken vorbei. Er ist auch in Venedig bei Piazzetta, mit dem er sich – zumindest wird es so überliefert – freundschaftlich verbindet. Von ihm übernimmt er eine Zeichentechnik. Und die Vorliebe für die Zeichnung. So erhebt er sich letztlich ein ganzes Stück über das, was seine älteren Brüder ebenfalls geschafft haben: Johann Valentin, der immerhin in bescheideneren, kleineren Residenzen als Hofmaler, vor allem als Porträtmaler tätig war, und Johann Anton Tischbein, der eine Zeichenschule in Hamburg hatte und ein Traktat dazu publizierte. Johann Heinrich legt da noch mal eine ganze Schippe drauf, indem er eben auch so lange im Ausland ist. Das ermöglicht ihm die glückliche Fügung, dass er den Grafen Stadion kennenlernt, der ihn unter seine Fittiche nimmt.

Wer ist dieser Graf Stadion?

Anton Heinrich Friedrich von Stadion bekleidete politische Ämter im Kurfürstentum Mainz, unter anderem das des Großhofmeisters. Er galt dort als besonderer Wegbereiter der Aufklärung. Neben dieser politischen Aktivität war er aber auch ein besonderer Liebhaber der schönen Künste. Tischbein muss ihm als junger ambitionierter Künstler imponiert haben und Stadion entschied sich, ihn als Mäzen zu unterstützen.

Dann gab es die Begegnung mit Wilhelm VIII. während dessen Kuraufenthalt in Schlangenbad. Warum wollte der Landgraf Tischbein für Kassel gewinnen? Was hat er sich erhofft?

Wilhelm VIII. ist lange in den Niederlanden gewesen, insofern hatte er ein hohes Anspruchsdenken, was künstlerische Qualität angeht. Die deutschen Maler, die er von seinem Vater Landgraf Carl in der Sammlung kannte – Magnus und Hendrik de Quitter – sind solide spätbarocke Maler, aber die haben ihn offensichtlich nicht richtig vom Hocker gehauen. Als Wilhelm Ende der 1720er Jahre seinem Vater zur Seite steht, lässt er die ganze Familie – auch die schon verstorbenen Kinder – von Philip van Dijk malen. Er zahlt fürstlich für dieses Porträt. Das zeigt, dass er eine ganz andere Qualitätsstufe erwartete. Diese Qualität hat er offensichtlich in Tischbein gesehen. Ich denke, dass Wilhelm VIII. ein durchaus strategisch denkender Landgraf war. Er könnte gedacht haben: Wenn ich mir einen Tiepolo hole, dann haut der nach einem Jahr wieder ab. Ein französischer Künstler würde vielleicht gar nicht kommen. Also muss ich jemanden bekommen, den ich auch halten kann. Da ist die Fügung ideal, dass Tischbein sogar aus Hessen stammt.

Konnte Tischbein diese Erwartung erfüllen?

Offensichtlich: Es schließen sich nahtlos Aufträge an. 1753/54 fängt Tischbein in Kassel an, 1757 muss Wilhelm VIII. wegen des Siebenjährigen Kriegs mit seiner Familie Kassel verlassen. 1760 stirbt Wilhelm, da können wir natürlich nur spekulieren, was er alles noch vorhatte. Das volle Potential konnte er aber nicht ausschöpfen. Das ist eher beim Nachfolger Friedrich II. der Fall.

Der hat ihn als Hofmaler übernommen. Hat er ihn auch geschätzt?

Ganz offensichtlich, was bemerkenswert ist und für Tischbein spricht. Wenn es nur die Übernahme einer Last des Vaters gewesen wäre, wäre es ein Leichtes gewesen zu sagen: Ich hole mir jemand anderes. Und das Verhältnis von Vater und Sohn war alles andere als entspannt. Aber es war gar nicht einfach, einen wirklich guten Maler an einen Hof zu binden. Ein Beispiel ist Johann Friedrich August, der in Arolsen bei der ersten Gelegenheit das Weite suchte. Er sagte sich: Hier werde ich bis an mein Lebensende Fürsten von Waldeck und Pyrmont porträtieren, und ich habe mir etwas anderes vorgestellt. Um es etwas salopp zu sagen. Nichts gegen die Fürsten von Waldeck und Pyrmont, ganz bestimmt nicht.

Was macht die malerische Qualität von Tischbein aus? Was ist das Besondere an ihm, dass Sie so eine große Ausstellung machen?

Er hat sich vorrangig als Historienmaler verstanden. Immer wenn er sich selbst darstellt, ist im Hintergrund ein historisches Gemälde oder auf der Staffelei eine Zeichnung, die auf ein historisches Thema hinweist. Die Historienmalerei war im 18. Jahrhundert schlicht die vornehmste, prominenteste Gattung. Die Ironie aber ist, dass er aus heutiger Sicht vor allem als Porträtmaler geschätzt wird – und auch berühmt ist. Der Zugang zu den Historien ist heute ein bisschen sperriger, weil die Themen aus der antiken Literatur nicht mehr so präsent sind. Ich wüsste zum Beispiel nicht, dass die Telemach-Geschichte noch irgendwo Schullektüre wäre – wenn sie es jemals war. Insofern ist der Zugang zu solchen historischen Themen nicht so einfach wie bei der Schönheiten-Galerie mit Darstellungen einer Schokoladentasse oder eines kleinen Hündchens im Hintergrund. Das schafft eher eine Brücke.

Wie ist Tischbein kunstgeschichtlich zu verorten? Sein Wirken fällt in die Zeit der Aufklärung, wofür die Gründung des Fridericianums steht. Ich habe gelesen, er markiert den Übergang vom Rokoko zum Klassizismus. Kann man das so formulieren?

Das würde ich schon denken. Er bleibt in seinen Porträts sehr den traditionellen Figuren und Typen verhaftet. Erst bei seinem Neffen ist die Porträtauffassung ganz anders: viel aufgelockerter und tatsächlich aufgeklärter. Aufklärung ist bei Tischbein doch reduziert, es geht eher um antike Themen. Im Musensaal etwa hat das wenig mit einer Zeitgenossin wie Angelika Kauffmann zu tun. Sein Formenrepertoire passt sich zeitgenössischen Strömungen an, bleibt aber im Grunde genommen spätbarock, orientiert sich am Rokoko. Es lohnt sich allerdings, sich mit Tischbein zu beschäftigen, man sollte ihn im Konzert der ganz Großen also nicht unterschätzen. Er ist eine absolut interessante, faszinierende Künstlerpersönlichkeit, gerade auch, wenn man das Biografische sieht – wie da jemand aus Haina Karriere macht. Beeindruckend ist auch, wie umfangreich sein Schaffen ist. Das versuchen wir in Ausschnitten zu zeigen. Es ist ja keine Retrospektive mit 500 Werken. Die könnte man auch zeigen, sie wäre aber dann vielleicht nicht so attraktiv. Das würde zeigen, wie Kunst im 18. Jahrhundert bestimmte Rollen erfüllen musste – dann könnte man Landgraf Friedrich zehnmal nebeneinander hängen ...

Was zeichnet die Ausstattung von Schloss Wilhelmsthal aus? Was sollte Kunstfreunde dorthin führen?

Die Mischung, die Kombination. Und dass die Dinge noch an dem Ort vorhanden sind, für den sie geschaffen wurden. Da spielen die Gemälde ebenso eine Rolle wie die Ausstattung, Wanddekorationen, die Möbel – das bildet eine wunderbare Einheit. Wenn man sich vom Goldglanz löst und nur die Gemälde anschaut, kann man tatsächlich Tischbeins malerische Entwicklung von den 1750ern mit der Schönheitengalerie und den Porträts hin zu den Zyklen aus den 60ern und 70ern im Detail nachvollziehen.

Es gab in den vergangenen Jahrzehnten zwei Tischbein-Ausstellungen in Kassel. Die eine zur Zeit der Wende 1989/90 zum 200. Todestag, und dann 2005/2006 eine mit den „drei Tischbeins“. Welchen Fokus haben Sie sich jetzt vorgenommen? Was ist das Ziel, was möchten Sie zeigen?

Uns geht es um den Zusammenhang und die Wechselwirkung von Malerei und Zeichnung. Tischbein hat sich als Historienmaler gesehen - zeigt sich aber, wenn er sich selbst darstellt, fast ausschließlich mit Zeichenmaterialien. Zeichnung spielt eine wichtige Rolle, sie ist für ihn die Grundlage aller künstlerischen Tätigkeit. Das ist ganz im Sinne einer Kunstakademie, und das hat er selbst vorexerziert bekommen. Es liegt auch auf der Hand, dass man nicht gleich mit dem Pinsel anfängt. Aber sich selbst dezidiert so zu zeigen, das ist etwas Besonderes: Im Hintergrund sieht man etwa eine Staffelei mit der Vorzeichnung eines Historiengemäldes. Die Zeichnung erfüllt unterschiedliche Aufgaben, und das wollen wir zeigen: mit Studienblättern einer Armbewegung, einer Kopfdrehung, mit Gesichtsstudien. Das kann auch eine Kompositionsstudie sein, wo die Figuren ganz summarisch dargestellt sind. Es gibt sogar Zeichnungen, bei denen wir bis heute rätseln, was eigentlich dargestellt ist. Die haben fast eine moderne Anmutung. Da sind so viele Lagen mit schwarzer und roter Kreide drübergelegt, dass nur noch der Künstler selbst weiß, was er eigentlich dargestellt hat. Und wir dürfen rätseln, welche Szene es sein soll. Das heißt, die Zeichnung ist Experimentierfeld und Arbeitsmaterial. Und dann gibt es wunderbar ausgeführte Blätter mit ganz feinen Lavierungen, also Kolorierungen, besonders zum Telemach-Zyklus, die eigentlich für sich stehen. Die haben auch einen Entstehungskontext, sind aber im Grunde eigenständige Kunstwerke und unterstreichen den Stellenwert der Zeichnung, den Tischbein reklamiert. Letztendlich gilt das auch für die Kasseler Kunstakademie: In seiner Eröffnungsrede bezeichnet Simon Louis du Ry die Zeichnung als „die Seele der Malerei“. Er ist Architekt, insofern ist die Zeichnung auch für ihn wichtig. Denn auch ein Architekt fängt nicht sofort an, Steine aufeinanderzutürmen. Man beginnt in Zeichenklassen.

Waren Sie auf Leihgaben angewiesen? Oder konnten Sie die Ausstellung komplett aus Kasseler Beständen bestücken?

Wir könnten alles aus der Kasseler Sammlung bestreiten, haben aber doch eine Handvoll Leihgaben erbeten, weil es Belegstücke sind - zum Beispiel die einzigen zwei Zeichnungen, die sicher aus der italienischen Zeit stammen. Sie befinden sich beide in Göttingen, und die möchten wir natürlich gern zeigen. Es sind tolle Zeichnungen, aber es sind auch biografische Belegstücke. Aus Schloss Fasanerie werden wir eine Supraporte bekommen, zu der wir wiederum eine Vorzeichnung und seit kurzem auch eine Ölskizze haben. Da kann man schön den Prozess von der Vorzeichnung bis zum ausgeführten Gemälde sehen. Und wir bekommen einige Leihgaben aus Privatbesitz. Darunter ist etwas Besonderes, das Tischbeins Selbstverständnis untermauert: Wir haben im Bestand eine große Maskenszene, die aus seinem Wohnhaus stammt. Aus Beschreibungen und aus Zeichnungen wissen wir, dass dort drei in die Wand eingelassene Gemälde waren, die unter anderem Tischbeins Familie zeigen. Er selbst ist sogar zweimal zu sehen - ein interessanter Umstand, dass man sich selbst so in Szene setzt. Da gibt es eine Zeichnung in Braunschweig, mit der man das ganze Ensemble zeigen kann, wie es gedacht war, und in Darmstadt gibt es eine Vorzeichnung zu unserem Gemälde, die einige Veränderungen zeigt.

Was weiß man über den Menschen Tischbein?

Das meiste wissen wir über Casparson und Engelschall. Es gibt nur wenige andere dokumentarische Belege. Was wir von ihm wissen, wissen wir von Beschreibungen aus zweiter Hand - von Schülern. Die sind interessant: Asmus Jacob Carstens, der tatsächlich ein klassizistischer Maler war und aus ganz bescheidenen, schwierigen Verhältnissen in Norddeutschland stammte, wird von seinem Vormund als Maler untergebracht, und die Wahl fällt auf Tischbein. Was auch dafür spricht, dass er im 18. Jahrhundert einen guten Ruf hatte. Carstens Vormund kann aber kein Lehrgeld bezahlen. Tischbein entgegnet: Dann muss er bei mir als Diener arbeiten. Das lehnt Carstens ab. Das ist für beide Biografien interessant. Ein anderes Beispiel: Der fränkische Maler Conrad Geiger besucht Tischbein und schwärmt, wie freundlich er aufgenommen wurde und wie bereitwillig Tischbein alle Kenntnisse der Porträtmalerei teilte. Insofern hat man unterschiedliche Schilderungen, die ihn auch als sympathischen Menschen zeigen - vielleicht bei Carstens mit einer Einschränkung. Aber wenn dieser kein Lehrgeld zahlen konnte, musste Tischbein womöglich eine andere Gegenleistung verlangen.

Nun hat Tischbein auch seine Neffen gefördert. Und er hat seine Tochter Amalie ausgebildet. War das etwas Besonderes in der Zeit?

Dass Künstler ihre Töchter fördern, ist nicht ungewöhnlich. Das gab es schon im 16. und 17. Jahrhundert. Aber als Bäckerstochter Künstlerin zu werden, das ist, wenn nicht ausgeschlossen, so doch extrem schwierig. Die Sichtbarkeit dieser Förderung ist etwas Besonderes bei Tischbein: dass man Frauen Zugang zur Akademie gewährte - zwar nicht zur Historienmalerei als vornehmster Gattung, das wäre zu viel gewesen für die Männerdomäne, aber eben doch als Mitglied. Das betrifft nicht nur die Töchter von Tischbein, sondern auch Externe wie Maria Elisabeth de Boor, geborene Timmermann. Sie wird Tischbeins Schülerin und geht mit einem Ehrendiplom der Kasseler Akademie nach Hamburg, wo sie verschiedene Werke schafft. Diese Förderung allerdings geschieht auf einer persönlichen Ebene, in Netzwerken. Zu Hamburg hat Tischbein ein gutes Verhältnis: Dort war einer seiner Brüder, er selbst hat die Familie Timmermann porträtiert. Das sind immer so kleine Inseln. In diesem Kontext setzt er sich für Frauen ein. Tischbeins Wirken in Kassel ist da schon ein frühes Beispiel der Förderung von Frauen, aber man darf es auch nicht zu hoch hängen: Es ist nicht der Beginn des Feminismus.

Sie beschäftigen sich viel mit Tischbein. Was würden Sie ihn gern fragen?

Tatsächlich wissen wir nicht viel über seine Zeit in Frankreich und Italien. In fünf Jahren Aufenthalt in Paris und in drei Jahren in Italien hat er sicher mehr geschaffen als nur zwei Zeichnungen. Das würde ich schon gern wissen, was da entstanden ist - und ob er uns einen Tipp geben könnte, wo es sich befindet. Da haben wir eine Wissenslücke. Es wäre auch spannend, aus Tischbeins Sicht zu erfahren, wie die idealisierte und oft etwas dramatisch erzählte erste Begegnung mit Landgraf Wilhelm wirklich verlaufen ist. Da passt alles zusammen: Beim Kuraufenthalt tauschen sich Adelige über ihre Hofmaler aus, dann wird erst ein anderer vorgestellt, und plötzlich taucht ein Wunderkind auf, das auch noch aus Hessen kommt. Das mag man ja kaum glauben. Aber so ist es überliefert. Da würde ich gern Tischbeins Version hören.

Zur Person

Dr. Justus Lange (54), geboren in Kempen am Niederrhein, aufgewachsen in Stuttgart, ist Leiter der Hauptabteilung Sammlungen der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Er hat in Würzburg und Salamanca studiert, absolvierte ein Volontariat in Kassel und war Kustos im Städtischen Museum Braunschweig, ehe er 2009 die Leitung der Gemäldegalerie Alte Meister im Museum Schloss Wilhelmshöhe übernahm. Lange ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes.

„Allegorie der Musik und Malerei“: Ausschnitt eines der Gemälde von Johann Heinrich Tischbein.
„Allegorie der Musik und Malerei“: Ausschnitt eines der Gemälde von Johann Heinrich Tischbein. © MHK
Tischbein als Zeichner: „Liegender männlicher Akt“.
Tischbein als Zeichner: „Liegender männlicher Akt“. © Katharina Haase/MHK

Auch interessant

Kommentare