„Spielen heißt klar denken“

Interviews: Drei Darsteller bekamen Preise der Bad Hersfelder Festspiele

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Aus einem Kurzbesuch wird ein siebenjähriger Aufenthalt im Sanatorium: Sören Wunderlich spielt die Hauptrolle des Hans Castorp im „Zauberberg“.

Bad Hersfeld. Die Stiftsruine in Bad Hersfeld ist ein magischer, aber auch Respekt einflößender Ort. Jeden Sommer bespielt ein großes Ensemble aus Schauspielern, Sängern und Musikern die riesige Bühne zur Festspielzeit.

Für herausragende Leistungen sind jetzt drei von ihnen ausgezeichnet worden. Sören Wunderlich ist Träger des Großen Hersfeldpreises für seine Verkörperung des Hans Castorp im „Zauberberg“, Anja Brünglinghaus und Lena Vogt bekommen den Hersfeldpreis. Brünglinghaus ist die böse Tochter Goneril in „König Lear“ und Lena Vogt spielt den Mogli im „Dschungelbuch“. Die Festspiele dauern noch bis 5. August.

Lena Vogt

Was ist an Ihrer Rolle die größte Herausforderung? Ein Kind zu spielen, aber nicht plakativ auszustellen, dass man Kind ist. Ich muss naiv sein und immer eine große Offenheit behalten.

Was ist Ihre Lieblingsszene im Stück? Wenn ich mit Balu den Honigbären-Blues tanze. Das ist mein persönlicher Höhepunkt als Schauspielerin. An der Dramaturgie des Stückes finde ich den Moment toll, wo Mogli emanzipiert zurückkehrt in den Dschungel und vom Zuschauer zum Handelnden wird.

Ist Ihnen dieser Dschungel-Wildfang auch persönlich nah, können Sie etwas mit ihm anfangen? Ja, ich bewundere, dass Mogli so offen ist. Dinge passieren um ihn herum, und er kann sie zulassen. Erwachsene würden das rational bewerten. Das tut Mogli nicht.

Wie ist es, in Bad Hersfeld auf der Bühne zu stehen? Es sind hier so viele tolle Schauspieler, von denen ich unfassbar viel lernen kann. Und ich erlebe, wie die Menschen hier in der Region die Festspiele mittragen.
(Lena Vogt (26) aus Regensburg hat letztes Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen. Sie lebt in Berlin bei ihrem Freund und in Jena, wo sie ein Engagement hat.)

Sören Wunderlich

Was ist an Ihrer Rolle die größte Herausforderung? Der Hans Castorp ist ein ausgesprochen mittelmäßiger Typ, der keine sonderlichen Eigenschaften hat. Das kann schnell langweilen, wenn man ihm zugucken muss.

Wie haben Sie das vermieden? Ich habe die Naivität und die Neugier der Figur ins Zentrum gestellt. Damit geht vielleicht etwas von der Romanvorlage verloren, aber so kann es auf der Bühne interessant werden.

Gibt es einen Moment, auf den Sie sich besonders freuen? Oh ja, auf das Essen, das am Ende kommt. Das klingt doof, aber wenn man zweieinhalb Stunden so konzentriert ist, ist man so ausgebrannt, dass man sich auf Milch und den Käse- und Weintraubenteller sehr freut.

Hat Hans Castorp etwas mit Ihnen selbst zu tun? Klar. Ich halte mich auch nicht für so außergewöhnlich. Und ich habe ein Phlegma, ich kenne diesen Hang zum Wohlfühlen, zum Gemütlichen, ich kann verstehen, dass er in dem Sanatorium hängen bleibt, wo er versorgt wird.
(Sören Wunderlich (33) aus Radebeul lebt mit seiner Familie in Hamburg. Dort ist er fest am Deutschen Schauspielhaus engagiert und spielt im Herbst in „Ödipus“. Er hat Schauspiel in Leipzig studiert.)

Anja Brünglinghaus

Was ist an Ihrer Rolle die größte Herausforderung? Dass die Sprache Shakespeares absolute Modernität erfährt. Ich spreche so eisklar, dass der Text heutig ist.

Wie geht das? Mit Schärfe. Ich will die Gier meiner Figur nach Macht zeigen - das kann ich über Sprache. Für mich heißt spielen klar denken - erst kommt das Denken, dann die Emotion.

Welche Situation geht Ihnen besonders nah? Wenn meine Schwester und ich den alten Vater verjagen. Das sind Themen, die uns alle betreffen. Zuschauer sollen merken, dass ich denke, oh Gott, der Alte hat Alzheimer.

Wie ist es, einen bösen Charakter wie Goneril zu spielen? Sie ist unglaublich herb, dreist, sie geht mit ihrem Mann um wie mit einem Lumpen. Manchmal spüre ich, wie die Zuschauer entsetzt sind über das Miststück - das genieße ich. Aber ich will auch zeigen, dass sie nicht per se boshaft ist. Sie ist sehr klar und sie will Macht.

Kennen Sie Aspekte von Goneril in sich selbst? Durchaus, ich war nie Opfer, ich bin Täterin.
(Anja Brünglinghaus (48) kommt aus Bochum und lebt mit ihrem Mann im Taubertal und Tübingen. Sie war zuletzt am Stuttgarter Ensemble und arbeitet jetzt frei.)

Von Bettina Fraschke

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