Irrer Kino-Hit: Die erfundene Techno-Band „Fraktus“

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Sehen so Popstars aus? Musikmanager Roger Dettner (Devid Striesow, von links) mit den Fraktus-Mitgliedern Torsten Bage (Heinz Strunk), „Dickie“ Schubert (Rocko Schamoni) und Bernd Wand (Jacques Palminger).

Dieser Film ist so genial erstunken und erlogen, dass manche selbst auf die Kritiken reinfallen. „Spiegel Online“ nannte „Fraktus“ das „vielleicht lustigste Filmerlebnis, das das deutsche Kino dieses Jahr zu bieten hat“.

Ein Leser, der seit 45 Jahren Musiker ist, kommentierte die Kritik verwundert: „Von denen habe ich noch nie etwas gehört.“

Man kann es darum nicht oft genug schreiben: Die Band Fraktus, die angeblich Anfang der 80er den Techno erfand und dann in der Versenkung verschwand, hat es nie gegeben. Das Hamburger Komiker-Trio Studio Braun hat sie sich ausgedacht und Regisseur Lars Jessen („Dorfpunks“) daraus eine irre gute Mockumentary gemacht, wie erfundene Dokus heute heißen (vom Englischen „to mock“, „verspotten“).

In der erzählen echte Stars, wie Fraktus aus Brunsbüttel ihr Leben verändert haben. H.P. Baxxter von der Techno-Kapelle Scooter sagt, dass „er ohne Fraktus nie auf die Idee gekommen wäre, Musik zu machen“. Grand-Prix-Experte Peter Urban lobt „vollendete Soundgemälde“, und Stephan Remmler bekennt: „Die Reduktion auf das Wesentliche haben wir als Trio nie so gut hingekriegt.“

Die Biografie ist eine einzige Pointe. Etwa die LP „7353 = 057“, die Drogenkonsum kritisiert, weil sich die Zahlenreihe auf dem Kopf so liest: „LSD = Esel“. 1983 zerbrach die Band schließlich, nachdem bei einem Konzert in Hamburg der Club abbrannte.

Fast 30 Jahre später bringt der großartige Devid Striesow als Musikmanager Roger Dettner das zerstrittene Trio wieder zusammen. Doch Torsten Bage (Heinz Strunk) als DJ-Ötzi-Parodie mit Arschgeweih scheffelt Millionen als Produzent auf Ibiza, während „Dickie“ Schubert (Rocko Schamoni) und Bernd Wand (Jacques Palminger) verlorene Existenzen als Experimentalmusiker sind.

Einer der schönsten Momente des Films ist es, wenn „Dickie“ einen Wasserhahn an- und ausmacht und schwärmt, wie er im Strahl Schlagzeug und Beatbox hört. Der Hypochonder Wand leidet währenddessen unter erfundenen Krankheiten wie Kongo-Zunge und entzündeten Milzbacken.

Der Humor des Films ist so abgedreht wie der von Studio Braun, die mit Telefonstreichen Kultstatus erreichten. Die Musik von Fraktus klingt, als hätten sich die Techno-Pioniere von Kraftwerk mit Helge Schneider zusammengetan. Wie das Trio versucht, aus „Affe sucht Liebe“ einen Hit zu machen, ist ein warmherziger Abgesang auf das Musikgeschäft, das wohl falscher ist als dieser Film.

Im wirklichen Leben geben Strunk, Schamoni und Palminger als Fraktus mit Songs des Hamburger Soundtüftlers Erobique gerade umjubelte Konzerte. Nächstes Jahr soll es weitergehen. Es sieht so aus, als könnte aus der Lüge doch noch eine wahre Geschichte werden.

Genre: Komödie

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: fünf von fünf Sternen

www.hna.de/kino

Von Matthias Lohr

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