Sebastian Schug inszeniert in Kassel Henrik Ibsens „Peer Gynt“ als grelles Spiel mit Identitäten

Irrfahrten eines Ich-Erfinders

Peer beglückt gleich drei Sennerinnen: Peter Elter (vorn) mit (von links) Birte Leest, Anke Stedingk und Björn Bonn. Foto:  Ketz

KASSEL. „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?“, könnte man mit einem Bestseller fragen, wenn Peer Gynts Leben als Irrfahrt eines Ich-Erfinders auf einer nah an die Zuschauer herangebauten Bühne abrollt. Sebastian Schugs Dreistundeninszenierung von Henrik Ibsens gleichnamigem Drama ist am Kasseler Staatstheater ein Ritt durch Gefühle und Sinnfragen. Grell, schnell, krass. Klamaukig-lustig und trotzdem innig.

Der charmante Aufschneider Peer lügt sich schon als Jungspund in Mutterns Stube zum Helden. Wie er dann durch die Welten zieht als Brauträuber, Sennerinnen-Beglücker, Troll-Schwiegersohn, Kaufmann, Propheten-Darsteller und Irrenanstalts-Kaiser, mag er so gern selbst seinen Storys glauben, hofft jetzt, nein: jetzt, nein: jetzt, endlich bei sich angekommen zu sein. Sein Kaiserreich findet Peer aber erst, als es zu spät ist - in der Liebe seiner Solveig.

Der moderne Mensch meint, er könne alles sein. Könne sich nehmen, was er will: Frauen, Macht, die Freiheit, nur an sich selbst zu denken. Probiert Leben an wie Kleider. Wie Sebastian Schug und sein fantastisch aufgestelltes Ensemble diesen Gedanken auf die Bühne bringen, ist genial. Christian Kiehl hat dafür ein Spanplatten-Provisorium mit Latten vernagelt, mit Bauplanen vor den Luken, mit Paketklebeband-Flicken. Ein Abenteuerspielplatz, eine Probebühne fürs Ich-Spielen. Überall liegen Klamotten, Schuhe, Tiermasken. Die wenigen Darsteller sind ständig auf der Bühne, werfen sich andere Kostüme über. Eine neue Strumpfhose, ein neues Ich. Theater erfindet Welten, Theater erfindet Ichs, so wie Peer. Die Inszenierung spiegelt nicht nur den modernen Menschen, sie spiegelt auch das Theatermachen. Lustvoll und an die Nieren gehend.

Es wird masturbiert, defäkiert, kopuliert. Alles laut, genüsslich übertrieben und mit viel Gespritze diverser Körperflüssigkeiten. Einige Premierenbesucher haben daraufhin die Vorstellung verlassen.

Als Peer einmal nicht weiterweiß, steht er minutenlang splitternackt da. Spricht - ja, flirtet mit dem Publikum, das sich nicht im Dunkel verstecken kann, weil der Saal beleuchtet bleibt. Was bleibt, wenn die Ich-Hüllen fehlen?

Peter Elter als Hauptdarsteller bekam den meisten Applaus des lautstark bejubelten Abends. Neckend und cool, geil und verzweifelt lebt sein Peer von enormer Körperlichkeit, von einer mal jungenhaften, mal maskulinen Präsenz.

Die anderen sechs Darsteller überzeugen als verschiedene Figuren, zum Beispiel: Eva-Maria Keller als Mutter Aase in prolliger Jogginghose, der berührende Momente unschuldiger Zärtlichkeit mit Peer gelingen. Birte Leest ist bäriger Schmied und übermütig-verliebtes Trollmädchen, Hans-Werner Leupelt salbungsvolle Brautmutter und lüsterner Trollkönig, Alina Rank orientalisches Fetisch-Girl und unschuldige Solveig. Anke Stedingk heischt als „der Krumme“ Ehrfurcht und lässt ihre Bauerntochter Ingrid verzweifeln. Björn Bonn wird ein unheimlicher fremder Passagier und ein minderbemittelter Bastard in Glanzjogginghose.

Und mittendrin sitzt Johannes Winde und spielt Livemusik wie der Bordpianist eines untergehenden Schiffes. Auch Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite ist zu erkennen.

Wieder am 8., 10., 28.10., Karten: 0561-1094-222. Ein Video steht unter www.hna.de/video im Bereich Kultur

Von Bettina Fraschke

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