Kasseler Georg-Pencz-Porträt von 1545 wurde an Erbinnen eines jüdischen Sammlers zurückgegeben

Kasseler Georg-Pencz-Porträt von 1545: Der Irrweg eines Gemäldes

Kassel. „Die Trauer hält sich in Grenzen“, sagt Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.

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Noch immer lagern in vielen Museen Kunstwerke aus ursprünglich jüdischem Besitz. Vielerorts wird versucht, ihre oft unklare Herkunft zu erforschen. Erben der Eigentümer melden Ansprüche an. Deshalb macht das Thema Raubkunst immer wieder Schlagzeilen. Auch in Kassel wurde kürzlich ein wertvolles Gemälde zurückgegeben.

Zwar hat das Museum ein bedeutendes, 1,35 mal 1,18 Meter großes Porträt des Malers Georg Pencz (um 1500-1550) aus dem Jahre 1545, das „Bildnis des Sigmund Baldinger“, verloren. Es wurde an die Enkelinnen eines ungarischen Juden zurückgegeben. „Aber das ist wenigstens ein kleiner Beitrag, ein Baustein zu historischer Gerechtigkeit.“ Denn zu Tausenden wurden sie im Dritten Reich geraubt, beschlagnahmt, enteignet, zwangsweise zu Schleuderpreisen verkauft: Skulpturen, Gemälde, Schmuckstücke, Objekte des Kunsthandwerks und Archivalien aus jüdischem Besitz.

So wie die umfangreiche Kunstsammlung des Budapester Barons András Herzog. Das Pencz-Gemälde wurde 1941 für 60 000 Reichsmark über die Wiener Galerie St. Lucas vom Deutschen Reich angekauft. Von „Verfolgungsdruck“ spricht das Bundesamt für offene Vermögensfragen, das die Übergabe abwickelte, auf seiner Webseite. „Die Sammlung hat er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht freiwillig hergegeben“, sagt Lange. Herzog kam in einem Konzentrationslager um.

Das Pencz-Porträt sollte einen Platz im „Führermuseum“ Linz finden. „Da wurde Gigantisches geplant.“ Hitler wünschte sich ein Museum, das selbst den Pariser Louvre an Bedeutung übertreffen sollte. Unübersehbar viele Kostbarkeiten wurden bewegt: „legal, halblegal, illegal“, so Lange. Einiges verschwand im Krieg, vieles wurde zerstört. Nach Kriegsende wurden herrenlose Kunstwerke trotz dubioser Herkunft auf die Museen aufgeteilt - viele Direktoren waren froh über attraktive Zuwächse. Seit 1966 hing das Baldinger-Bildnis als Leihgabe der Bundesrepublik - Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs - auf der Wilhelmshöhe.

Hintergrund

Jahrzehnte gab es für die Herkunft der Raubkunst keine Sensibilität, weiß Justus Lange: „In den 50ern hat das niemanden interessiert.“ Erst in den 80ern wurde ihre Provenienz, wie der Fachbegriff heißt, zum Thema. Ende der 90er-Jahre verpflichtete sich Deutschland in der Washingtoner Erklärung, die Herkunft beschlagnahmter Kulturgüter zu erforschen und gegebenenfalls rasch für eine Restitution (Rückgabe oder Entschädigung) zu sorgen.

Die Herkunft des Pencz-Gemäldes sei nie verschleiert worden, betont Lange. „Was wir wussten, steht im Katalog.“ Tatsächlich sind Sammler, Verkauf 1941 und Galerie im Kasseler Bestandsverzeichnis der Altdeutschen Malerei aufgeführt. Aber erst spät haben sich Erben gemeldet und das Bild beansprucht. Im Juli ist es bei Christie’s in London versteigert worden, um die Anwälte zu bezahlen, die sich vor US-Gerichten um die Rückgabe der Herzog-Sammlung aus Ungarn bemühen - wo es um hunderte Gemälde geht. Der Erlös ist beachtlich. 5 Mio. Pfund (6,025 Mio. Euro) erzielte das Bild: Auktionsrekord für Pencz, den Nürnberger Stadtmaler aus dem Dürer-Umkreis.

Pencz habe ein sprechendes Porträt der Amts- und Machtfülle des aufstrebenden Bürgertums des 16. Jahrhunderts geschaffen, sagt Lange: „Ein stattliches Format, qualitätvoll“. Viel lieber aber, als ein Kunstwerk zurückzuerhalten und verkaufen zu können, da ist Lange überzeugt, hätten die Nachfahren „ihren Großvater kennen gelernt“.

Von Mark-Christian von Busse

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