Interview mit „Macht euch keine Sorgen“-Darsteller Leonard Carow

IS-Rückkehrer-Drama in der ARD: Fall erinnert an den des Kasselers Joachim Gerhard

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Aufeinandertreffen an der syrischen Grenze: (von links) Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) kann seinen Sohn Jakob (Leonard Carow) wieder in die Arme schließen. Bei der Suche begleitete ihn sein ältester Sohn David (Leonard Scheicher). 

Am Mittwoch zeigt die ARD das IS-Rückkehrer-Drama „Macht euch keine Sorgen“ - es erinnert an den Fall des Kasselers Joachim Gerhard. Wir haben mit Darsteller Leonard Carow gesprochen.

Eines Tages klingelt bei Familie Schenk das LKA und teilt ihr mit, dass ihr Sohn Jakob (Leonard Carow) sich dem IS angeschlossen hat. Im Film „Macht euch keine Sorgen“ (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD - Regie: Emily Atef, 2018) macht sich Jakobs Vater auf den Weg und holt ihn zurück – ein Fall, der an den Kasseler Joachim Gerhard erinnert (mehr über die verzweifelte Suche von Joachim Gerhard lesen Sie hier und weiter unten im Artikel). Im Interview spricht Darsteller Leonard Carow über die Radikalisierung Jugendlicher:

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

Leonard Carow: Ich habe mich tatsächlich mit jemandem zusammengesetzt und Arabisch gelernt, aber nicht mit einem Rückkehrer gesprochen, sondern mit jemandem, der Rückkehrer betreut. Und weil es viel um die Familienbeziehung und die emotionalen Beziehungen geht, haben wir Schauspieler viel geprobt.

Wie waren die Gespräche mit dem Betreuer der Rückkehrer für Sie?

Carow: Es war super spannend und hat mich auch ein bisschen geschlaucht, weil es intensiv ist, sich damit auseinanderzusetzen. Ich hatte mir vorher Gedanken gemacht und versucht, mir verschiedene Blickwinkel anzugucken, aus denen man an so eine Rolle herangehen kann. Das ist dann total durcheinandergewirbelt worden durch ein Gespräch mit jemandem, der da am Mann ist. Denn diese ganzen Geschichten von Rückkehrern sind unglaublich paradox und es gibt nicht immer eine klare Sichtweise, die man einnehmen kann.

War es für Sie schwer, sich in die radikale Gedankenwelt von Jakob hineinzuversetzen?

Carow: Wir sehen ihn, nachdem er zurückgekehrt ist, und da ist das Schwerste, also welche Ansichten er vertreten hat, fast egal. Man kann sagen, dass das jemand ist, der irgendwo hingegangen ist aus voller Überzeugung und dann zurückgekehrt ist und in der Öffentlichkeit im Grunde komplett gescheitert ist an dem, was er machen wollte. Das war für mich erstmal der interessante Konflikt und der Einstieg in die Rolle.

Glauben Sie, dass es nach der Rückkehr wieder einen normalen Alltag zwischen Vater und Sohn geben kann?

Carow: Ich bin schon der Meinung, dass da eine normale Beziehung möglich ist, einfach auch, weil die Vaterliebe größer ist als die Dinge, die das Kind getan hat. Dass sich Jakob erstmal öffnet und man in einen Dialog kommt, ist glaube ich unheimlich essenziell. Dass ein Schatten über der Beziehung liegt, ist klar, aber ich denke schon, dass man, auch durch den Liebesbeweis, den der Vater gemacht hat – er ist ihm hinterhergereist – am Ende hoffentlich eine normale Beziehung anstreben kann.

Diese Beziehung nimmt sehr viel Raum ein. Finden Sie, dass das, was Jakob in Syrien erlebt hat, im Film zu kurz gekommen ist?

Carow: Ich finde das total richtig so. Es hat schnell etwas Plakatives oder stark Effekthascherisches, wenn man das zu sehr zeigt. Bei unserem Film ging es darum, die Emotionalität zu erzählen. Und die liegt in der Beziehung zu dem Vater und den Problemen, die Jakob in sich selber spürt. Das ist auch der Vorteil des Films: Die emotionale Seite dahinter und die Probleme der einzelnen Personen werden im seltensten Fall beleuchtet.

Denken Sie, dass so etwas in jeder Familie passieren kann?

Carow: Das war tatsächlich etwas, was ich in der Vorbereitungszeit nicht ganz glauben wollte, um dann aber schnell festzustellen, dass man das eben nicht leicht berechnen kann. Und ohne Angst schaffen zu wollen, dass sowas immer und überall möglich ist, denke ich nicht, dass es so leicht ist, das Problem auf nur eine Familiensituation runterzubrechen. Deshalb wurde sich auch Mühe gegeben, eine durchaus normale Familie zu zeigen.

Haben Sie einen Erklärungsansatz dafür, wie so etwas passieren kann?

Carow: Es hat, glaube ich, viel damit zu tun, dass man gerade in dem Alter in einer Findungsphase ist, die total wichtig ist. Dass Jakob dann direkt in Kontakt gekommen ist mit einem Freund, der unglaublich extreme Ansichten vertritt, ist unglücklich und noch unglücklicher ist es, dass das niemand bemerkt hat oder einen Gegenvorschlag gemacht hätte, der Jakob geholfen hätte.

Am Ende des Films bleibt es offen, aus welchen Gründen Jakob nach Hause zurückgekehrt ist. Wie finden Sie das persönlich?

Carow: Unabhängig davon, dass ich mir eine Haltung überlegen musste, die ich Jakob geben konnte, fand ich es gut, dass man dem Zuschauer nicht alles auf dem Silbertablett präsentiert, sondern ihn auch ein bisschen alleine lässt. Ich fände das auch überheblich, wenn wir gesagt hätten: Hier ist das Problem und hier ist die Lösung. Ich finde es gut, dass es einen ein bisschen in der Schwebe lässt und hoffentlich nicht frustriert, sondern zum Nachdenken anregt.

Leonard Carow (23) wurde in Berlin geboren. Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er 2004 an der Seite seiner Schwestern Amber und Isabel Bongard im Ludwigshafener "Tatort" "Große Liebe". 2011 spielte er unter der Regie von Steven Spielberg im Oscar-nominierten Film "Gefährten" an der Seite von David Kross einen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.Für seine Leistungen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie Förderpreis im Jahr 2013 und 2017 mit dem Nachwuchspreis der Goldenen Kamera. Derzeit lebt Carow in Potsdam. 

Kasseler reiste an Grenze: Joachim Gerhard sucht nach seinen zwei Söhnen

Weil sich seine zwei Söhne der Terrormiliz Islamischer Staat anschlossen, reiste der Kasseler Joachim Gerhard an die türkisch-syrische Grenze, um sie zu finden – bislang über 20 Mal. 2014 fuhren die Söhne angeblich zu einem Ausflug nach Österreich, 2015 sagten sie sich in einem Video von ihrem Vater los. 

Der Verfassungsschutz hält sie für tot, Gerhard hat aber Hinweise darauf, dass sie noch leben. Ihn stört vor allem das Vorurteil, dass solche Jugendliche aus prekären Verhältnissen kommen. Deshalb sei es gut, dass im Film eine ganz normale Familie dargestellt wird: „Es sind eben nicht nur Kriminelle oder Drogensüchtige“, sagt er. 

Insgesamt müsse es noch mehr Aufklärung geben, beispielsweise an Schulen, „denn es gibt auch andere Systeme, auf die die Jugendlichen reinfallen können.“ Gerhard hält selbst Vorträge, auch an Universitäten.

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