Neu im Kino: „Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten“

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Müssen sich zusammenraufen: Jack Sparrow (Johnny Depp) und seine ehemalige Flamme Angelica (Penélope Cruz).

Aller guten Dinge sind drei, aber wenn eine Filmtrilogie in Hollywood über 2,7 Milliarden Dollar eingespielt hat, dann muss noch einmal nachgelegt werden. Jetzt startet also der vierte Teil der „Fluch der Karibik“-Abenteuer.

Über die Story von „Pirates of the Caribbean: Fremde Gezeiten“ gibt es - wie in den Vorgängerfilmen - nicht viel zu erzählen. Als Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) in London seiner alten Flamme, der Piratenbraut Angelica (Penélope Cruz), begegnet, landet er mit ihr auf dem Schiff des gefürchteten Seeräubers Blackbeard (Ian McShane), der auf der Suche nach der sagenumwobenen Quelle der Jugend ist.

Sparrows alter Rivale Hector Barbossa (Geoffrey Rush) nimmt diesmal als Abgesandter der englischen Königin die Verfolgung auf. In einer standesgemäß halsbrecherischen Fluchtsequenz zeigt Regisseur Rob Marshal („Chicago“), der das Regiezepter von Gore Verbinski übernommen hat, gleich zu Beginn, dass er mit den aufwendigen Choreografien der Vorgängerfilme mithalten kann.

Marshal folgt in „Fremde Gezeiten“ dem bewährten Konzept, das sich nicht lange mit raffinierten Plotkonstruktionen herumplagt und das Publikum im gefühlten Zehn-Minuten-Rhythmus mit Kampf- und Actionszenen bei der Stange hält.

Hightech-Höhepunkt ist eine Jagd auf Seejungfrauen, die sich in Vampirbestien verwandeln. Dazwischen dürfen Johnny Depp und Penélope Cruz (die die frühere Quotenfrau Keira Knightley ersetzt) umeinander schnurren. Cruz’ Figur der Piratenbraut hätte man allerdings weitaus origineller als Gegnerin ausbauen können. Als Besetzungscoup erweist sich Ian McShane, der die schwarze Seele seines Bösewichtes genussvoll ausspielt. Dennoch bleibt es Johnny Depps Aufgabe, mit seinen tänzelnden, schrägen Auftritten dem durchkalkulierten Unterhaltungsprodukt ein wenig menschliche Unberechenbarkeit zu verleihen.

Genre: Abenteuer

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: 3 Sterne

„Sparrow ist in mich übergegangen“ - Johnny Depp im Interview

Die Geisterbahn „Fluch der Karibik“ ist eine Attraktion in Disneyland. Wie fühlt es sich an, dort verewigt zu sein?

Johnny Depp: Es erweitert das Bewusstsein. Man könnte es noch psychedelischer gestalten, doch vermutlich sollte man dies nicht tun. Aber die Idee ist sehr lustig. Wenn man durch diese Sektion geht und sich dann drei Mal sieht, ist das schon komisch.

Vor vielen Jahren sagten Sie, dass man an keinem Ihrer Filme Geld verdienen wird. Fühlen Sie sich nun schuldig?

Depp: Es liegt nicht an mir, ich habe mein Bestes gegeben. Bei meinem ersten Film hatte ich es darauf angelegt, gefeuert zu werden. Aber es ist interessant, nach 20 Jahren Karriere und lauter Fehltritte nun endlich Erfolg zu haben. Das Verrückte ist, dass sich bei mir nie etwas verändert hat. Dass sich Menschen dazu entschieden haben, einen Film zu sehen, in dem ich mitspiele, gehört zu meinen schockierendsten Erlebnissen.

Glauben Sie, dass Sie die Rolle Jack Sparrows noch einige Jahre spielen werden?

Depp: Ja. Ich glaube, sie werden mich eines Tages in einen Rollstuhl setzen und die Dread- Locks an die Räder binden. Aber im Ernst: Ein Charakter wie Jack Sparrow ist interessant genug, um noch weiter mit ihm arbeiten zu können.

Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen Johnny Depp und Jack Sparrow?

Depp: Mittlerweile ist Jack Sparrows Charakter, zu meinem Glück oder Pech, auch in mich übergegangen. Er lässt mich nicht mehr allein und taucht von Zeit zu Zeit auf. Erst diesen Morgen kam er an, als ich meine Kinder für die Schule fertig machte. (Ricore)

Johnny Depp (47) ist als Schauspieler äußerst wandlungsfähig. Der Durchbruch gelang dem in Owensboro, Kentucky, geborenen Darsteller mit der Fernseh-serie „21 Jump Street - Tatort Klassenzimmer“. Auswahl der Filmerfolge: „Gilbert Grape“, „Sleepy Hollow“, „Chocolat“, „Alice in Wonderland“, „The Tourist“. Depp lebt mit der Sängerin Vanessa Paradis und ihren Kindern in Frankreich.

Hintergrund: Piraten als Kult - Warum die Filmreihe so erfolgreich ist

Es ist wie die piratenfilmtypische Schatzkiste, die der Disney-Konzern mit seiner „Fluch der Karibik“-Reihe ausgegraben hat: Es gab Einspielergebnisse in Milliardenhöhe. Nach anfänglichen 653 Millionen Dollar für Teil eins im Jahr 2003 brachten die Teile zwei und drei je rund eine Milliarde Dollar weltweit. Allein in Deutschland sahen über 19 Millionen Zuschauer die ersten drei Teile - rekordverdächtig für ein Filmkonzept, das schließlich auf einer Rummelplatzattraktion im Disneyland basiert. Wie kam es zu einem derartigen Kult?

Sieg für den Piratenfilm: Die Reihe hat dem traditionsreichen Filmgenre neues Leben eingehaucht. Seit Errol Flynns und Burt Lancasters Zeiten drohte dem der Entkräftungstod. Doch Disney hat erspürt, dass Geschichten um tapfere Seeräuber mit Augenklappe, im Wind knarrende Takelagen und mythische Schätze auch im neuen Jahrtausend filmisches Potenzial bieten.

Durchbruch für Johnny: In Independent-Filmen war Johnny Depp seit Jahren ein Magnet. Sein Talent, seine außerordentliche Ausstrahlung, seine Fähigkeit, sich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, brachte viele Filme zum Funkeln. „Pirates of the Caribbean“ holte Depp ins große Popcornkino. Endlich.

Das Kommerzkino flirtet mit schrägen Nischenstilen: Angelegt waren die ersten „Fluch der Karibik“-Filme so, dass das Publikum sich für Orlando Bloom als Errol-Flynn-Abkömmling begeistern sollte - und für seine Liebelei mit der schönen Keira Knightley. Doch das Publikum interessierte sich statt für die am Reißbrett konzipierte Romantik für diesen schrägen Typen am Rande: Für Johnny Depp als ewig besoffener, taumelnder Captain Jack Sparrow mit einem Hang zu schwertklingenbreitem Augen-Make-up. So bekam seine Figur immer mehr Raum. Das Kommerzkino ließ sich darauf ein, eine gute Portion schräger zu werden. Darauf eine Buddel Rum.

Spiel mit kultigem Trash: Dieses Schrägerwerden wird von Film zu Film mehr auf die Spitze getrieben. Mittlerweile wird sich kaum noch die Mühe gemacht, eine stringente Handlung zu erzählen. Johnny Depp und die anderen Darsteller zelebrieren vielmehr mit Lust das Chargieren, also das holzschnittartige, völlig überkandidelte Spiel.

Belagerte Kinderzimmer: Für die allermeisten Menschen, die in den 70ern und 80ern Kinder waren, gab es nur zwei Lebenszustände: Entweder sie besaßen das legendäre Playmobil-Piratenschiff oder sie schrieben es Jahr für Jahr erneut auf ihren Weihnachtswunschzettel. Pirat spielen - das war fast wichtiger als Cowboy und Indianer. Heutige Kinderzimmer sind immer noch vom Piraten-Griff umklammert. Sie sind belagert von Produkten aus dem „Captain Sharky“-Imperium, einer Spielzeugreihe mit einem goldigen Seeräuber, dessen Erkennungszeichen ein Hai (Shark) mit Augenklappe ist. Gefährlich sieht der allerdings nicht mehr aus.

Von Bettina Fraschke

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