90 Jahre Energie: Sun Ra Arkestra im Theaterstübchen

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Gerührt von den Gratulationen: Marshall Allen, Kopf des Sun Ra Arkestra, am 90. Geburtstag im Theaterstübchen.

Kassel. Man kann seinen 90. Geburtstag wie Miss Sophie feiern, deren Butler die Rollen ihrer verstorbenen Verflossenen übernehmen und sich für sie besaufen muss. Oder man macht es wie Marshall Allen.

Der Leader des legendären Sun Ra Arkestra beging seinen 90. Geburtstag am Sonntagabend mit den 13 Bandmitgliedern auf der Bühne des Theaterstübchens.

Es wurde eine rauschende, gut dreistündige Jazz-Performance, die ganz im Sinne des Meisters Sun Ra die absolute musikalische Freiheit zelebrierte. Mag sein, dass einigen die Ohren klingelten, aber das war es allemal wert.

Bevor es losging, ließ Theaterstübchen-Chef Markus Knierim, der das Arkestra bereits zum zweiten Mal zu Gast hatte, „Happy Birthday“ vom Publikum anstimmen, während eine große Geburtstagstorte auf die Bühne getragen wurde. Der Jubilar pustete flugs die 90 Kerzen aus und schon schraubte er das Altsaxofon überblasend in die höchsten Höhen.

Wer Jazz für eine verkopfte Angelegenheit hält, sollte diese in bizarrbunte Flitterkostüme gehüllte Band mal erleben. Pure musikalische Energie, Aufruhr, Innigkeit, Meditation, Enthemmung, Trance, Ekstase: ein Wechselbad der Gefühle. Sie zelebriert ihr musikalisch grenzenloses Universum als fantastische Show mit Tanz und Märschen durch die Reihen. Ausladende Kollektiv-improvisationen treiben die Musiker bis zur Auflösung aller Strukturen, um wenig später an den Big-Band-Swing anzuknüpfen.

Vier Saxofone, Flöten, Horn, Trompete, Posaune, eine starke Rhythmussektion, Piano, E-Gitarre und Gesang (Tara Middleton): Das geht augenblicklich in die Magengrube und dehnt sich von dort im ganzen Körper aus. Es ist, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Hochspannung, man fühlt sich erschöpft und schwerelos zugleich, manche hält es nicht auf den Stühlen und sie tänzeln herum. Ein unvergessliches Hör- und Seherlebnis.

Marshall Allen stieß schon Ende der 50er-Jahre zum Sun Ra Arkestra, 1995 übernahm er die Leitung. In diesem Jahr wäre Sun Ra übrigens 100 geworden. Zuletzt überreichte Knierim dem Bandleader eine Zeitschrift mit einem Artikel über das Arkestra, worin sich alle Besucher mit einem Gruß verewigten. Allen war sichtlich gerührt.

Von Andreas Gebhardt

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