25 Jahre Multikulti: Mehr als Eiapopeia

+
Claus Leggewie

Vor 25 Jahren brachte der Politikwissenschaftler Claus Leggewie Multikulti nach Deutschland. Noch heute wird über den Begriff gestritten. Eine kleine Würdigung.

Selbst 686.000 Suchergebnisse bei Google können keinen Aufschluss darüber geben, wie es heute um „Multikulti“ steht. „Merkel erklärt Multikulti für gescheitert“, erfährt man bei der Internetsuche. Angeblich ist „Multikulti“ aber auch „eine große Bereicherung“. Und die „Welt“ stellt fest, dass „Multikulti Europas Zukunft“ sei, fordert aber auch: „Schluss mit Multikulti“.

Dass „Multikulti“ so eine Karriere machen würde, hätte Claus Leggewie nicht gedacht, als er den Begriff vor 25 Jahren nach Deutschland brachte. 1990 stellte der Politikwissenschaftler, der in Göttingen promovierte und seit 1989 in Gießen lehrt, in seinem Buch „Multi Kulti“ Spielregeln für die Vielvölkerrepublik auf. Es ging um das Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland und um die Frage, wie viel Toleranz nötig ist.

Den Begriff hatte Leggewie dem Album „Multikulti“ des US-Jazzmusikers Don Cherry entliehen. Die Band des Trompeters und Vaters der Popstars Eagle-Eye Cherry und Neneh Cherry war bunt gemischt wie die Gesellschaft. Anlässlich seiner nun erschienenen Lebenserinnerungen gesteht der 65-Jährige, dass es „vielleicht eine falsche Wortwahl“ war, weil sie sich „verniedlichend“ und nach „Eiapopeia“ anhöre.

Für Konservative wurde „Multikulti“ zum Hasswort, für sie war es nur ein nie endendes Straßenfest für Weltverbesserer. Der Norweger Anders Breivik wurde sogar zum Massenmörder, um die multikulturelle Gesellschaft zu verhindern. Dabei hatte Leggewie schon damals geschrieben, dass das Zusammenleben nicht einfach sei. Er zitierte den Country-Song „(I Never Promised You A) Rose Garden“.

Leggewie versprach weder einen Rosengarten noch ein Straßenfest. Multikulti ist für ihn noch lange nicht tot: Die Frage, ob man für oder gegen Multikulturalismus ist, sagte er einmal, sei für ihn so unsinnig wie eine Abstimmung darüber, ob morgen die Sonne aufgehen soll.

Claus Leggewie: Politische Zeiten: Beobachtungen von der Seitenlinie. Verlag C. Bertelsmann, 480 S., 24,99 Euro. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.