Sixtinische Kapelle - Virtuelle Rundumsicht im Artikel

Vor 500 Jahren: Michelangelo präsentierte vollendete Fresken

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Höhepunkt der Renaissance-Malerei, ja vielleicht der Malerei überhaupt: Blick in die Sixtinische Kapelle. Das Deckengemälde schuf Michelangelo von 1508 bis 1512, vor genau 400 Jahren wurde es präsentiert. Bis 1541 folgte das „Jüngste Gericht“ als Riesenfresko hinter dem Altar.

Mit der Idee, ausgerechnet Michelangelo solle die Decke der Sixtinischen Kapelle ausmalen, wollten Konkurrenten den erfolgreichen Bildhauer im Kirchenstaat kaltstellen. Ein intriganter Schachzug des Baumeisters Bramante, der Michelangelo in die Verzweiflung treiben sollte.

Zumal der begabte junge Raffael zeitgleich für den Auftraggeber, Papst Julius II., tätig war. Michelangelo, dem das Meißeln am Marmor wertvoller schien als Malerei, müsse den Kürzeren ziehen. So beschreibt sein Biograf Gilles Néret die hinterhältige Kalkulation.

Daten und Fakten

• Erbaut wurde die Cappella Sistina im Auftrag von Papst Sixtus IV. von Giovanni de’ Dolci 1475-1481.

• Ausmaße: 40,5 x 13,2 x 20,7 Meter mit je sechs Fenstern in den Langseiten

• Wertvoll sind auch die Marmorschranke, die den Altarraum vom Raum der Laien trennt, sowie der Boden aus Marmormosaiken.

• Die Fresken der Seitenwände zeigen Szenen aus dem Leben Mose und Jesu, geschaffen 1481-1483 von Künstlern wie Perugino, Botticelli und Ghirlandaio.

• 1508 betraute Papst Julius II. Michelangelo mit der Ausgestaltung des 800 Quadratmeter großen Gewölbes, das bis dahin nur ein Sternenhimmel schmückte - nach vier Jahren, Allerheiligen 1512, wurde es enthüllt.

• 1534/35 forderte Papst Paul III. Michelangelo auf, nun auch noch die Altarwand auszumalen. Dieser schuf bis Weihnachten 1541 ein Riesenfresko von fast 14 mal 12,20 Metern Größe, „Das jüngste Gericht“, mit 391 Gestalten: Die Seligen fahren zum Himmel auf, die Verdammten stürzen in die Hölle, Tote stehen aus den Gräbern auf, Christus schwebt - umgeben von Maria, Aposteln und Heiligen, auf Wolken.

Tatsächlich drohte der ungeduldige Papst, Michelangelo vom Gerüst zu stürzen, solle er nicht endlich vorankommen. Einmal hieb er gar mit dem Stock auf ihn ein, mit 500 Dukaten musste er den Maler besänftigen. Doch nach vier harten, einsamen Jahren war das Werk vollendet. Vor 500 Jahren, am 1. November 1512, wurde es präsentiert.

Malerei sei nicht sein Metier, klagte Michelangelo. Doch schuf er mit dem Deckengemälde in der Technik „al fresco“, dem Farbauftrag auf den noch feuchten Untergrund, den Inbegriff und Höhepunkt der Renaissancemalerei: Magnet für Rom-Touristen aus aller Welt.

Der Zeitgenosse Giorgio Vasari erkannte, als Michelangelo noch das „Jüngste Gericht“ geschaffen hatte, in der Sixtinischen Kapelle „die erschreckende Gewalt der Kunst“. Doch ist sie - obwohl nur über die Vatikanischen Museen zugänglich - kein musealer, sondern ein Kirchenraum: Hier versammeln sich die Kardinäle, die den Papst wählen (Konklave), ihm dient die Kapelle für Gottesdienste.

Von Mark-Christian von Busse

Michelangelo leistete Übermenschliches

Fragen und Antworten zu den Fresken des Renaissance-Genies

Muss man die Sixtinische Kapelle gesehen haben?

Ja, unbedingt - trotz der wahnsinnig vielen Touristen im Vatikan. Es ist unmöglich, im Geschiebe und Gedränge den überwältigenden Raum wirklich in sich aufzunehmen. Aber auch wenn man vor den Schätzen in den Vatikanischen Museen kapitulieren kann: Sie sind Pflichtprogramm für Rom-Besucher.

Wie um alles in der Welt hat Michelangelo das gemalt?

„Vom Papst angetrieben, leistete Michelangelo Übermenschliches“, schreibt der langjährige FAZ-Korrespondent Heinz-Joachim Fischer in seinem Rom-Führer. Der Maler lag über vier Jahre auf einem von ihm selbst gebauten Gerüst, den Pinsel nach oben führend, unter der Decke. „Der Farben Sudelei tropft aus dem Pinsel auf die Wange sacht“ dichtete er. Über seine körperlichen Qualen hat er oft geklagt, doch Hilfe lehnte er ab - bei der Freskomalerei sind Korrekturen kaum möglich. Nur einen erfahrenen Baumeister brauchte er, der plötzlich auftretenden Schimmelbefall beseitigte.

Haben eigentlich die vielen nackten Jünglinge in der Kapelle den Klerus provoziert?

Einen 360-Grad-Rundumblick der Sixtinischen Kappelle gibt es hier.

Schon der Zeremonienmeister seines Auftraggebers, des Papstes, empfand die Fresken als „wider alle Schicklichkeit“, passend für eine Badestube oder ein Wirtshaus. Michelangelo rächte sich, indem er ihn als Höllengestalt malte, die Beine von einer Schlange umwunden. Auf Weisung Pauls IV. wurden die anstößigen Blößen übermalt. Als „Hosenmaler“ ging Daniele da Volterra in die Kunstgeschichte ein. Für Michelangelo waren die nackten Athletenkörper selbstverständlich. Ihm galt die menschliche als Abbild himmlischer Schönheit, in körperlicher Schönheit manifestierte sich ihm ein edler Geist. Papst Johannes Paul II. hatte bei der Wiedereinweihung nach der Restaurierung 1994 mit der Nacktheit kein Problem mehr. Die Sixtina sei „das Heiligtum der Theologie des menschlichen Leibes“, sagte er damals. Wenn sie von der Schönheit des Menschen Zeugnis gebe, spreche sie zugleich „die Hoffnung auf eine verklärte Welt aus, die vom auferstandenen Christus eröffnet wurde“.

Gab es nicht Ärger um die Restaurierung der Fresken?

Sie war ein Schock, eine Revolution. Die Forschung hatte immer die Dunkelheit und Monochromie Michelangelos betont, nun kamen - begleitet und gesponsert von einem japanischen Fernsehkonzern - in den 80ern helle, leuchtende, kräftige Farben und kühne Kontraste zum Vorschein. Staub, Kerzenrauch und Schmutz hatten über die Jahrhunderte den Fresken die grau-braune Patina gegeben. Jetzt wurden Ruß, Schmutz und Firnis durch speziell entwickelte Lösungsmittel abgewaschen. Auch wenn Michelangelos neu entdeckte Farbigkeit vor dem Hintergrund der Maltradition in Florenz nachvollziehbar ist, gab es Kritik. Der New Yorker Experte James Beck sprach von einem „Attentat auf Michelangelo“ und einem „Tschernobyl der Kunstgeschichte“. Für den Erhalt hat man vorgesorgt: Die Kapelle hat eine schonende Beleuchtung und eine Klimaanlage.

Wo begegnet man Michelangelo in Rom noch?

Quasi überall. Im nahen Petersdom, dessen Kuppel er konzipierte, ist seine berühmte, viel fotografierte Piéta - die trauernde Gottesmutter mit dem Leichnam Jesu - zu sehen. Michelangelo hat auch die Anlage und Bauten auf dem Kapitol entworfen, den Palazzo Farnese vollendet, die Diokletiansthermen umgestaltet, ein gigantisches Grabmal von Papst Julius II. geschaffen. Die Kirche S. Maria sopra Minerva schmückt sich mit seinem „auferstandenen Christus“.

Von Mark-Christian von Busse

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