Jazz gegen Walzer: Die Operette „Die Herzogin von Chicago“ in Kassel

Sie mischt die Alte Welt gründlich auf: Jaclyn Bermudez als Miss Mary Lloyd, die schließlich zur Herzogin von Chicago geadelt wird. Fotos: Klinger

Kassel. Es ist schon erstaunlich, wie langlebig Klischees sein können. Zum Beispiel das vom seelenlosen, reichen Amerika, wo nur das zählt, was man kaufen kann, wo man Gefühle und Traditionen als etwas betrachtet, worauf man ein Preisschild kleben kann.

Mit diesem Amerikabild spielte Emmerich Kálmán bereits im Jahr 1928 in seiner Operette „Die Herzogin von Chicago“, die am Samstag im fast ausverkauften Kasseler Opernhaus Premiere hatte. Eine gedankenlose Depesche der jungen Amerikanerin Miss Mary Lloyd an ihren steinreichen Vater, sie werde nicht nur das Schloss des sylvarischen Erbprinzen Sándor kaufen, sondern auch ihn selbst als Ehemann, löst hier beinahe eine Katastrophe aus. Um ein Haar heiratet der gekränkte, aber mittellose Prinz aus Trotz seine Cousine – ehe dann doch alles anders kommt.

Kálmán trägt den Kampf der Kulturen zwischen dem modernen Amerika und dem traditionsreichen alten Europa als musikalischen Streit aus: Charleston und Foxtrott gegen Walzer und Csárdás. Das ist über weite Strecken sehr reizvoll und unterhaltsam, zumal der Komponist vor kaum einem schrägen Zitat zurückschreckt: Donauwalzer, amerikanische Hymne und Beethovens Fünfte als Foxtrott.

Das erst jüngst wiederentdeckte Stück bietet daher reichlich Ansätze, bis in die Gegenwart wirkende Klischees zu hinterfragen. Doch Regisseur Christoph Biermeier holt vor allem weitere Klischeebilder aus der Kiste – für die eine Seite des Atlantiks wild tanzende Indianer und ein in Zeitlupe unter der US-Fahne taumelnder Mond-Astronaut, im fiktiven Balkanstaat Sylvarien auf der anderen Seite bröckelnden Glanz und korrupte Minister.

Trotz der opulenten Ausstattung durch Heiko Mönnich, der ein fragiles wolkiges Luftschloss auf die Bühne zaubert, und Ursina Zürchers fantasievollen Kostümen bleibt somit alles recht harmlos und klamaukig. Inszenierungsdetails wie das Nachstellen bekannter Gemälde wirken dekorativ, eröffnen der Handlung aber keine zusätzliche Ebene – selbst der überraschende Schluss, der hier nicht verraten wird, setzt auf das Vorangegangene lediglich noch einen drauf.

Bei alledem wird eine Menge Action geboten – vom Tanzensemble Sozo Visions in Motion, das mal als Wasserballett, mal als Indianerschar auftritt, vom Schauspieler Peter Elter als akrobatischem Adjutanten des Prinzen, auch von den stark agierenden Chören, Opernchor und Kinderchor Cantamus.

Als quirlige und witzige Mary Lloyd ist Jaclyn Bermudez zu erleben. Mit klarer, heller Stimme singt sie die schönen Duette, die Kálmán Mary und Sándor gewidmet hat in bester Harmonie mit Johannes An, der den Prinzen mit viel Tenorschmelz und Pathos verkörpert. Beim Duett „Den Walzer hat der Herrgott für Verliebte nur erdacht“ ist man tatsächlich geneigt, fürs alte Europa zu votieren. Stimmlich toll und umwerfend komödiantisch agiert Maren Engelhardt als Sándors lispelnde Cousine Rosemarie, die dem vermeintlich reichen Sekretär der Lloyds, James Bondy (agil und sängerisch stark: Hansung Yoo), den Kopf verdreht. In einer Doppelrolle als Barbesitzer und als Benjamin Lloyd brilliert Dieter Hönig, und auch die kleinen Rollen sind adäquat besetzt.

Einen großen Erfolg kann die Dirigentin (und Korrepetitorin des Staatstheaters) Deniola Kuraja verbuchen. Sie übernahm die Leitung kurz vor der Premiere vom erkrankten Marco Zeiser Celesti und überzeugte mit einem souveränen, temperamentvollen Dirigat. Toll, wie sie mit dem Staatsorchester die unterschiedlichen musikalischen Charaktere zur Geltung brachte. Ihr galt daher ein Gutteil des langen Beifalls.

 

Wieder am 30.1, 12. und 26.2., Karten: Tel. 0561/1094-222.

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