Intimität auf Augenhöhe

Jazzmusiker Brönner und Ilg lassen sich auf „Nightfall“ nicht in Schublade stecken

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Kennen sich seit 25 Jahren: Die Jazzer Dieter Ilg (links) und Till Brönner haben schon viele gemeinsame Konzerte gegeben, mit „Nightfall“ veröffentlichen sie ihr erstes gemeinsames Album. Im Juli gibt es sie im Kasseler Kulturzelt zu hören.

Jazz, Pop, Soul, Klassik: Musik wird oft feinsäuberlich und glattgebügelt in Schubladen einsortiert. Zwei, für die eine Schublade allein nicht ausreicht, sind Trompeter Till Brönner und Kontrabassist Dieter Ilg.

Auf ihrem ersten gemeinsamen Album „Nightfall“ schaffen sie es, Musikstile aus verschiedenen Jahrhunderten ganz selbstverständlich nebeneinander klingen und wirken zu lassen. Drei Gründe, warum dieses etwas andere Jazzalbum trotz seiner wilden Mixtur nicht beliebig ist.

Die Offenheit

Brönner und Ilg, beide Meister ihres Fachs, haben sich ihre Offenheit und Neugier bewahrt. Und so hört sich das, was sie auf „Nightfall“ spielen, vor allem entspannt und kreativ an. Bekannte Stücke randvoll mit neuen Ideen. Klassikinterpretationen von Johann Sebastian Bach und Melchior Vulpuis treffen auf Rap und Pop von will.i.am und Britney Spears. Deren „Scream & Shout“ wirkt gar nicht schrill und nervig, sondern entfaltet in der Bearbeitung von Brönner und Ilg erst seinen eigentlichen, starken Groove. Außerdem trifft Leonard Cohen auf Jazzstücke von Ornette Coleman oder Jerome Kern. Die Originale werden von Brönner und Ilg nicht zugekleistert - sie entwickeln sich. Fast spitzbübisch die Bearbeitung von „Eleanor Rigby“ der Beatles. Die Trompete übernimmt Paul McCartneys Gesangspart. Anders als auf einigen seiner Soloalben, singt Brönner nicht. Und: Den puren Spaß am Musikmachen mit einem Freund hört man auch bei ihren drei eigenen Stücken: „Peng! Peng!“, „Wetterstein“ und das schwebende „Nightfall“ sind ausbalanciert, meist harmonisch rund. Auch wenn die Spielfreude an mancher Stelle kurz mit ihnen durchgeht. Dem aufwühlendsten Song der insgesamt elf Stücke, „Ach, bleib mit deiner Gnade“ verleihen sie einen unter die Haut gehenden sakralen Ton.

Die Vertrautheit

Seit über 25 Jahren kennen sich der in Berlin und Los Angeles lebende Till Brönner (46), der sich als Quasselstrippe bezeichnet und der Popstar der Jazzszene ist, und der in Freiburg lebende Dieter Ilg (56), der in Interviews wesentlich zurückhaltender auftritt. Und auch wenn sie in dieser Zeit noch kein gemeinsames Album aufgenommen haben, hört man auf „Nightfall“ eine große Vertrautheit - so, wie das Zusammenspiel von Trompete und Kontrabass zum Jazz gehört, scheinen auch Brönner und Ilg zusammenzugehören. Intimität auf Augenhöhe.

Die Zwischenräume

Musik wie ein Wechselspiel zwischen Virtuosität und Ruhe haben Brönner und Ilg auf „Nightfall“ geschaffen. Sie geben auch den nicht gespielten Noten, den kurzen stillen Momenten, eine Bedeutung, schaffen Zwischenräume und lassen die Zuhörer mitarbeiten und -fühlen. Musik für Herz, Hirn und Fantasie.

Konzert: Till Brönner, Dieter Ilg, 29. Juli, Kasseler Kulturzelt. Kulturzelt-Gutscheine (weitere Termine noch nicht bekannt), 0561/203204.

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