Die Britin Clare Teal und der Kanadier Michael Kaeshammer gaben ein umjubeltes Doppelkonzert

Ein Jazztornado fegte durchs Kulturzelt

Feurig und temperamentvoll: Die britische Sängerin Clare Teal und der kanadische Pianist Michael Kaeshammer. Fotos: Socher

Kassel. Es gab eine Zeit, da saß man noch nicht mehrere Stunden lang konzentriert bei live gespielter Jazzmusik in unbequemen Sitzreihen und verfolgte regungslos das musikalische Geschehen. Die Tanzflächen in den Bars waren rappelvoll, es wurde getrunken und geflirtet bis zum Morgen, und dann ging auf dem Rücksitz die Party mit Balladen aus dem Radio weiter.

Das war der Jazz, der im bunten Scheinwerferlicht die alten Holztreppen der Kneipenbühnen hinaufeilte und mit seinem unwiderstehlichem Lächeln dem Publikum nicht den Hauch einer Chance ließ, sich ihm zu verweigern. Die englische Sängerin Clare Teal und der kanadische Pianoblitz Michael Kaeshammer erinnerten bei ihrem Doppelkonzert im mit 200 Besuchern gefüllten Kulturzelt an diese Ära.

Feuriger Retro-Jazz, mit einem kräftigen Schuss Entertainment veredelt, hatte den Schnittpunkt in der brillanten Umsetzung ihrer Grundidee. Bei Teal dominierte das modern aufbereitete Standard-Spiel von Swing bis Samba und zurück. Ein exquisites Trio um den Pianisten und Arrangeur Grant Windsor lieferte ihr feine Songstrukturen, in denen sie temperamentvoll Melodielinien und Scatgesang perfekt kombinierte.

Doch dass Teal nicht nur „Cheek to cheek“ und „Eso Beso“ im Blut hat, sondern auch noch über ein sensibles Gespür für gute Popmusik verfügt, bewies sie bei der gefühlvollen Bearbeitung von „Chasing Cars“ (Snow Patrol) und „Why“ (Annie Lennox). Sehr britisch auch die engen Anzüge der Bandmitglieder, ihr offensiver Humor und die smarten Crooner-Einschübe.

Ganz anders Michael Kaeshammer. Ein Derwisch am Piano, spieltechnisch komplett austrainiert und mit einem Programm-Rezept, bei dem er einem Boogie-Woogie-Oldtimer einen V8-Motor verpasst. Reggae, Funk und Pop jagt er durch den Turbo, zieht dabei lässig die Augenbrauen nach oben oder marschiert einfach mal durch die Sitzreihen.

Dann übernehmen Bassist Marc Rogers und Drummer Mark McLean die Regie, doch es dauert nicht lange, da drückt Kaeshammer wieder aufs Gaspedal. Völlig durchgeschwitzt verlässt er Punkt zehn Uhr die Bühne und hinterlässt ein heftig applaudierendes Publikum mit dem Gefühl, als hätte für kurze Zeit ein Jazztornado gewütet.

Kulturzelt heute, 19.30 Uhr: Al Di Meola. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Andreas Köthe

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