Hans Fallada wird wieder entdeckt: „Jeder stirbt für sich allein“ erstmals ungekürzt

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Moment der Idylle: Hans Fallada im Juli 1939 mit seinen Kindern Ulrich (Uli, links) und Lore (Mücke).

Im letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Jahr 1947 schildert Hans Fallada auf den letzten 150 Seiten, wie die Nazis mit dem „kleinen Mann“ umgingen, wenn sie ihn der „Wehrkraftzersetzung“ oder des Hochverrats beschuldigten.

Was sich bei den Vernehmungen der Gestapo oder vor den mörderischen Tribunalen der Volksgerichtshöfe abspielte, war von einer widerwärtigen Bösartigkeit, wie man sie bis dahin nie beschrieben hatte.

Im Hauptteil - den ersten 500 Seiten - enthüllt Fallada die Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten am Beispiel eines Berliner Arbeiterehepaars, das auf Flugblättern zum Sturz der Diktatur aufruft und nach seiner Entdeckung hingerichtet wird. Fallada hatte diesen historischen Fall nach Gesprächen mit dem Dichter-Kollegen Johannes R. Becher aufgegriffen, der ihn nach Kriegsende mit den Akten vertraut gemacht hatte. In einem Monat schrieb Fallada, der damals bereits ein physisches Wrack war, das Manuskript nieder. Ein Vierteljahr später starb er an Herzversagen.

Jetzt hat der Aufbau-Verlag erstmals eine ungekürzte Ausgabe herausgebracht. Sie erobert die Bestseller-Listen. Und man erkennt, dass es sich bei dem Roman, der in der DDR nur in einer ideologisch verstümmelten Ausgabe erschien, um das humane Vermächtnis eines Autors handelt, den es wieder zu entdecken gilt.

Fallada taumelte immer wieder zwischen Erkenntnis und Blindheit. Er versagte sich der Emigration, flüchtete sich in eine romantische Heimatliebe und machte doch immer wieder Bekanntschaft mit der braunen Wirklichkeit.

Wie ein Besessener schrieb Fallada 1944 in der Landesanstalt Strelitz ein verschlüsseltes Gefängnistagebuch, dessen Text er geschickt zwischen den Zeilen seines Romans „Der Trinker“ versteckte. Gestapo und Wärter hatten keine Chance, die Niederschrift zu entziffern. Hätten sie Verdacht geschöpft, wäre Fallada kaum mit dem Leben davon gekommen. Vor allem aber spricht aus dem wie eine Kolportage angelegten Textgebirge die tiefe Verzweiflung über eigenes Versagen und das vergebliche Bemühen, Ordnung in seine Lebensführung zu bringen.

„Jeder stirbt für sich allein“ wurde dann zu dem Roman, dessen Schlussappell an das „über Elend und Not triumphierende Leben“ die kritische Haltung des Autors gegenüber den Nazis ohne Wenn und Aber zu erkennen gibt. Der Ostberliner Staatsdichter Becher, dessen Elogen auf Stalin nicht aus existentieller Not, sondern aus Überzeugung herrührten, bescheinigte Fallada im Ton des Selbstgerechten: „Er registrierte und vibrierte mit, wo er hätte sich entgegensetzen müssen.“

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Aufbau, 704 S., 19,95 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen

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