Ausstellung „233ºCelsius“ im Kunsttempel zeigt, wie eine Bibliothek im digitalen Zeitalter aussehen kann

Jenseits der Gutenberg-Galaxie

Mit einem Buch eine Internet-Animation bewegen: Amaranth Borsuk und ihr Mann Brad Bouse aus den USA stellten im Kunsttempel ihre Webseite www.betweenpageandscreen.com vor. Fotos: von Busse

Kassel. Ein Buch ist nicht nur ein Buch. Es kann als großartig digitalisierte, multimediale Fassung im Internet faszinieren, wie die kostbare Manessische Handschrift, die, aus dem Mittelalter stammend und viel zu wertvoll zum Durchblättern, im Netz der Allgemeinheit zur Verfügung steht. Ein Buch kann sogar aus kleinen schwarz-weiß bedruckten Flächen bestehen, die man vor eine Webcam hält und die auf dem Computerbildschirm Poesie erzeugen: den Dialog zweier Liebender.

Wandlungen der Sprache und Literatur im Zeitalter neuer Medien erkundet der Kunsttempel mit seiner Ausstellung „233º - eine andere Bibliothek“. Der Titel bezieht sich auf Ray Bradburys von François Truffaut verfilmten Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“, in dem jeder Bücherbesitz verboten und von anderen Medien abgelöst wird. 233 Grad - das ist hier die Temperatur, bei der Bücher brennen.

Was Bibliotheken zeigen könnten, wenn die Bücher verbrannt sind, sind neben Hörbüchern (von Otto Heinrich Kühner und Stephan Krass), Verfilmungen von Gedichten und Lyrik im Netz die per Zufallsgenerator entstandene Poesie von Jean-Pierre Balpe. Oder eben, auf der Grenze von Buchseite und Bildschirm, das Projekt von Amaranth Borsuk und Brad Bouse, zwei Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, die eigens zur Vernissage nach Kassel gekommen waren.

Form entspricht Inhalt: Ihre Computer-Animation (unter betweenpageandscreen.com), die sich per Buch steuern lässt, hat etwas so Spielerisches, wie sich die beiden Liebenden mit Worten umkreisen.

Viel Kurioses ist zu sehen. Die mit 400 Bänden größte Schüttelreim-Sammlung, die Manfred Hanke der Stiftung Brückner-Kühner überlassen hat (ganz konventionell im Bücherregal) sowie Filmrequisiten, die der Berliner Buchbinder Markus Rottmann hergestellt hat, darunter Hitlers Dokumentenmappe aus der Eichinger-Produktion „Der Untergang“ und Dachauer KZ-Akten aus Scorseses Drama „Shutter Island“.

Eigentlich gestaltet Rottmann Künstlerbücher, oder er verpackt Bach-Notenschriften für die Berliner Staatsbibliothek. Aber er stellte eben auch die von Goebbels unterzeichnete Kino-Eintrittskarte für Tarantinos „Inglourious Basterds“ her, die Brad Pitt minutenlang in der Hand hielt.

Bis 21.11., Friedrich-Ebert-Str. 177, Do bis So, 15 - 18 Uhr. Führungen n.V. Tel. 0561/24304. In der Reihe Sprachkunst 3 durch 3 sind am 13.11., 20 Uhr, Jean-Pierre Balpe, Gerhard Falkner, Erin Gee zu Gast.

Von Mark-Christian von Busse

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